»Little Joe« von Jessica Hausner

Was für ein harmlos scheinender Titel für einen toxisch grimmigen Film! Eine Welt, die aus den Farben und scharfen Formen von David Lynchs »Blue Velvet« entstanden scheint, aus den grausigen Farbklecksen von Dario Argentos besten Horrorfilmen und aus den Edgar-Allan-Poe-Phantasien von Roger Corman, von dem noch ein weiteres Echo aus dem »Little Shop of Horrors« stammt: Alles ist ein wenig, aber um Bedeutendes von der Empfindung von alltäglicher Realität verschoben.

Vom Beginn an begleitet uns ein schmerznahes Fiepen, eine gezielte Tinitus-Störung, oder eine sehr, sehr abstrakte Musik, die immer wieder von mehr oder weniger »chinesischen« Klängen durchwoben wird. Der Soundtrack stammt von dem Japaner Teiji Ito. Jessica Hausners Film richtet sich an Menschen, die von Film mehr erwarten als eine Geschichte in Bildern.
Der Wissenschaftlerin Alice ist eine geniale Pflanzenmutation gelungen: eine Blume, deren Duft ganz und gar glücklich macht, indem sie das Mutter- und Kuschel-Hormon Oxytocin anregt. Es erzeugt den Impuls von Vertrauen und Zuneigung, nicht nur zwischen Mutter und Kind, vielleicht gibt es aber auch ein paar unangenehme Nebenwirkungen, wie zum Beispiel Aggression gegen Außenstehende.
Alice selbst hat eine durchaus liebevolle Beziehung zu ihrem Sohn Joe, allerdings steht diese Mutter-Sohn-Beziehung immer in Spannung mit den Anforderungen im Beruf und dem Wunsch des Vaters, Joe zu sich zu nehmen. Keine einfache Situation. Seit der Scheidung von ihrem Mann sucht Alice den Rat einer Therapeutin. Einer neuen Beziehung mit ihrem Arbeitskollegen Chris öffnet sie sich nur zögernd. Erheblich dramatischer sind die psychischen Probleme ihrer Kollegin Bella, die nach einem Selbstmordversuch nur durch eine innige Bindung an den Hund Bello stabilisiert wird.
Die neuen Pflanzen, die sehr viel Wärme und direkte Ansprache benötigen, sollen bei einer großen Messe vorgestellt und rasch auf den Markt gebracht werden. Da lässt Alice schon einmal ein paar Vorsichtsmaßnahmen im Umgang mit Virus-Vektoren außer Acht. Die Pflanzen sind übrigens, um die Wirkung des Duftes zu erhöhen, zur Unfruchtbarkeit hin gezüchtet. Vielleicht ist dies ein allzu heftiger Verstoß gegen die Natur.
Es fehlt nicht an Warnungen: Bellas Hund atmet die Sporen ein und verändert sich so heftig, dass er seine Besitzerin beißt. Alice hat, entgegen allen Vorschriften, auch ihrem Sohn eine der Pflanzen mit nach Hause gebracht; sie werden nach ihm »Little Joe« genannt. Bella ist die erste, die Verdacht schöpft. Kann es sein, dass die Sporen von Little Joe in das Gehirn von Menschen eindringen und sie verändern? So, dass sie zu Werkzeugen der Pflanzen werden, das Schicksal der Unfruchtbarkeit zu umgehen? Mehr und mehr wächst auch in Alice das Grauen vor der eigenen Schöpfung. Auch Joe scheint sich zu verändern, ein wenig, wie es ein Mädchen in einem der Kontroll-Interviews von Menschen sagt, die auf allergische Effekte von Little Joe hin befragt wurden: So, als spiele man sich selbst in einer Theater- oder Filmaufführung. Findet da ein Body Snatching statt, und bilden die, welche von den Sporen der Pflanzen befallen sind, eine Verschwörung, bis hin zum Mordanschlag? Oder ist das alles, wie die Therapeutin nahelegt, nichts anderes als die Projektion einer Mutter, die zugleich Angst vor der Trennung von ihrem Sohn hat und sie andererseits auch herbeisehnt?
Wie beim unübersehbaren Vorbild Stanley Kubrick (einige Einstellungen in »Little Joe« scheinen eine direkte Hommage an sein Werk) gibt es auch bei Jessica Hausner keinen Widerspruch zwischen Genre und Autorenfilm. Sowohl die Innenansicht (das Trennungsdrama einer allein erziehenden Mutter, das das eine oder andere Projektions-Monster gebiert) als auch die Außenansicht (eine Wissenschaft, die unter kommerziellem Druck mit grenzüberschreitenden, gefährlichen Experimenten spielt) bieten Erklärungen, bloß geht das eine nie im anderen auf. Und wie bei Kubrick ist das Phantastische und Bedrohliche nicht allein in den Geschehnissen zu suchen, es steckt schon von Anfang an in den Figuren, ihrem Ambiente, ihren Beziehungen. Das Bodysnatcher-Motiv wird als Symptom und Metapher der allfälligen Entfremdung deutlich. Je rationaler und kontrollierter die Sprache, die Einrichtung, die Bewegung scheinen, desto mehr tritt ihr paranoider Charakter hervor.
Oft verschwinden die Menschen durch eine Kamerafahrt an den Bildrändern, der Blickraum der Kamera und der Bewegungsraum der Figuren sind nicht immer synchron, was ein sehr direktes Empfinden der Ver-Rücktheit erzeugt. Selbst den emotionaleren Dialogen hört man das Erkalten an.
Die Gewächshaus-Reihen der roten Blumen und die Maschinerien zu ihrer Ernährung lassen das absurde industrielle Handeln gegenüber der Natur erkennen. »Little Joe« ist auch ein Exemplar des Öko-Horror, der von einer Rache der unterdrückten Natur an ihren menschlichen (oder eben doch nicht so menschlichen) Peinigern handelt. Der größte Frevel entsteht da aus der größten Sehnsucht nach Liebe, und die klassische Frage der Science Fiction taucht wieder auf, ob ein Mensch, den man durch eine Droge Glück empfinden lässt, wirklich als glücklich gelten darf. Der Ausgang ist ungewiss; es könnte eine dann doch geglückte Trennung von Mutter und Kind ebenso sein, wie ein dann doch gründlich misslungener wissenschaftlicher Versuch. Der Film endet zwar mit einer kleinen Pointe, als eine Antwort darf man das aber nicht missverstehen.

Georg Seeßlen (Foto: © COOP99 The Bureau Essential Films)
LITTLE JOE – GLÜCK IST EIN GESCHÄFT
von Jessica Hausner, A/GB/D 2019, 105 Min.
mit Emily Beecham, Ben Whishaw, Kerry Fox, Kit Connor, David Wilmot
Drama
Start: 09.01.2020

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