»Les misérables« von Ladj Ly

Am Anfang ist alles gut: Happy Beginning, sozusagen. Die jungen Leute aus den Pariser Vorstädten fahren voller Vorfreude ins Zentrum, um beim Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft dabei zu sein. Als das französische Team schließlich gewonnen hat, ist die Begeisterung riesengroß. Eine Avenue voller Menschen, die jubeln und die Tricolore schwenken. Über diesem grandiosen Bild erscheint der Titel: LES MISÉRABLES.

»Les misérables«, eigentlich »Die Elenden«, heißt das Buch, in dem Victor Hugo ein Sozialpanorama Frankreichs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfen hat und das zu einem populären, weil gut verträglichen Musical umgearbeitet wurde. Schon um eine Verwechslung mit diesem zu vermeiden hat sich der deutsche Verleih zu der Ergänzung »Die Wütenden« entschlossen. Sehr zu Recht, denn die Euphorie zu Beginn wird sich, wenn die jungen Leute in ihre Behausungen in den berüchtigten Banlieues zurückkehren, in Wut verwandeln.
Es ist eine Wut über ihre als ausweglos empfundene soziale Lage, wovon vermüllte Treppenhäuser und streikende Aufzüge in den Wohnsilos künden. Unmöglich ist es für sie, aussichtsreiche Jobs zu bekommen und einen angesehenen Status in der Gesellschaft. In ihrer prekären Situation legen sich junge Männer mit der Polizei an, während kriminelle Clans den aggressiven Ton im Stadtviertel angeben.
Dorthin, zu den Plattenbauten von Les Bosquets, führt uns Regisseur Ladj Ly, der selbst in Clichy-Montfermeil aufgewachsen ist und nach eigenen Angaben als 17-Jähriger begonnen hat, seine Umwelt zu filmen. Er hat schon vor youtube Dokus ins Netz gestellt und kennt, wovon er erzählt.
In seinem ersten Spielfilm stellt er uns als Identifikationsfigur den aus Cherbourg versetzten Polizisten Stéphane zur Seite. Damien Bonnard spielt ihn mit grimmigem Gesicht, und er wird uns im Verlauf des Films immer sympathischer. Denn nach anfänglicher Zurückhaltung – schließlich ist er »der Neue« in der Brigade de recherche et d’intervention (BAC), einer Spezialeinheit der Polizei – verkörpert er den gesunden Menschenverstand und behält in kritischen Situationen den kühlen Kopf.
Zu dritt und in Zivil fahren sie durch ihr Revier. Sie brauchen keine Sirene auf ihrem Wagen, ohnehin weiß jeder, dass sie Polizisten sind. Der Chef des Teams ist der hellhäutige Chris (Alexis Manenti), er steckt voller Aggressionen und schaut mit Verachtung auf die Einwanderer und deren Nachwuchs herab. Obwohl sein Partner Gwada (Djebril Zonga) einer von denen ist, wird er als Kollege akzeptiert. Er hat es geschafft, sich in die französische Gesellschaft zu integrieren.
Schon beim ersten Einsatz erfährt Stéphane, dass im Viertel ein äußerst labiles Gleichgewicht zwischen den Warlords der Einwanderer und den staatlichen Ordnungskräften besteht. Man versucht, sich zu arrangieren und die stete Gewaltbereitschaft unter Kontrolle zu halten. Auf beiden Seiten gibt es übrigens Übergriffe. Chris belästigt drei junge Mädchen, die auf den Bus warten. »Das Gesetz bin ich«, lautet da seine Devise.
Andererseits folgt Salah (Almamy Kanoute), der Anführer der Muslimbruderschaft und Betreiber eines Döner-Imbiss, religiösen Gesetzen. Er wird in einem entscheidenden Moment einsehen, dass es besser ist, eine Explosion zu verhindern, und mit Stéphane zusammenarbeiten.
Der Fall, der das Viertel schließlich zum Kochen bringen wird, fängt harmlos an. Der kleine Issa (Issa Perica) hat aus einem Wanderzirkus ein Löwenbaby entführt. Die Männer des Zirkus drohen denen des Viertels mit Krieg, wenn das Löwenbaby nicht zurückgegeben wird. Issa wird also gejagt und bei der Festnahme schwer verletzt. Buzz, ein Junge mitten in der Pubertät, der vom Sohn des Regisseurs wohl auch mit dem Blick auf dessen eigene Jugend gespielt wird, filmt den Zwischenfall mit seiner Drohne, mit der er sonst eine attraktive Nachbarin beobachtet.
Um diesen Zwischenfall zu vertuschen, jagen die drei Ermittler jetzt Buzz. Stéphane scheint mit Mitgefühl und klarem Verstand die Situation in den Griff zu bekommen. Doch als wir uns schon beruhigt zurücklehnen, setzt der Film zu einem Finale furioso an, das niemand so schnell vergessen wird. Auf die Frage, ob die Gewalt letztlich doch siegt, gibt »Les misérables« keine Antwort.

Claus Wecker
DIE WÜTENDEN – LES MISÉRABLES
von Ladj Ly, F 2019, 102 Min.
mit Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Zonga, Issa Perica, Steve Tientcheu
Drama
Start: 23.01.2020

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