Leila Slimani – Dann schlaf auch du

Myriam, Tochter arabischstämmiger Eltern, lebt mit ihrem Mann Paul und ihren beiden kleinen Kindern im 10. Pariser Arrondissement, einer Gegend, »in der sich die Nachbarn, ohne sich zu kennen, freundlich grüßen« und in der die Spielplätze nachmittags zum Treffpunkt der Nannys aus den umliegenden Häusern avancieren. Durch harte Arbeit hat Myriam erreicht, was ihren Eltern verwehrt blieb: den erfolgreichen Abschluss des Jurastudiums, den Berufseinstieg als Anwältin und damit verbunden einen gewissen gesellschaftlichen Aufstieg. In Louise findet sie die »perfekte« Nanny für ihre Kinder. Denn nach dem Tod ihres Mannes und dem endgültigen Bruch mit ihrer erwachsenen Tochter bleibt die Arbeit für Louise der einzige Lebensinhalt. So kümmert sie sich nicht nur um die Kinder, sondern verwandelt quasi nebenbei die kleine Wohnung in ein repräsentatives Zuhause, kocht für die Freunde des jungen Paares und wird bald unverzichtbarer Bestandteil des Haushaltes. Zunehmend taucht Louise dabei in die Welt ihrer Arbeitgeber ein, »baut sich in der Wohnung ihr Nest« und kann am Ende doch nur Zaungast bleiben. Dass dies schließlich in eine Tragödie mündet, erfährt der Leser gleich im ersten Satz des Romans:

»Das Baby ist tot«.

In Rückblenden entwirft Leila Slimani ein Psychogramm zweier unterschiedlicher Frauen. Einiges lässt die 37-jährige dabei durchaus von ihrer eigenen Biografie einfließen – auch sie hat marokkanische Wurzeln, auch sie lebt in Paris und auch sie suchte zu dem Zeitpunkt, zu dem der Roman entstand, eine Nanny für ihr Baby.

Gleichzeitig jedoch malt Slimani ein Szenario, das deutlich macht, wie sehr die gesellschaftliche Mittelschicht gerade im urbanen Lebensraum auseinanderdriftet. Gewollt klischeehaft und doch erschreckend realistisch beschreibt die Autorin dabei die beiden Wohnungen und Lebenswelten – einerseits die schöne, wenngleich auch winzige Altbauwohnung in dem gepflegten Haus, in dem Myriam mit ihrer Familie wohnt, der große Freundeskreis des Paares, Restaurantbesuche, Urlaubsreisen und teure Kleidung – andererseits die düstere Einzimmerwohnung mit der kaputten Dusche in der Pariser Vorstadt, in der Louise haust, der Ärger mit den Behörden und dem Vermieter, die Einsamkeit. »La Chanson douce« – das süße Lied, so der Originaltitel des Romans, erklingt nun mal nicht für alle.

Auch wenn – und das macht die Erzählung deutlich – die beiden Welten sich durchaus berühren und durchdringen können, bleibt eine subtil und scharf gezogene Grenze, die von denjenigen, »die es geschafft haben« zu vehement verteidigt wird, als dass letztlich eine Überwindung möglich wäre. Darin liegt die eigentliche Tragödie des Romans, dem – man ahnt es – eine wahre Geschichte zugrunde liegt.

Heike Strobel

Leila Slimani, Dann schlaf auch du. 2017, Luchterhand Literaturverlag Verlagsgruppe Random House, München. 224 S., 20,00 EUR. ISBN 978-3630875545

 

 

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