»Leid und Herrlichkeit« von Pedro Almodóvar

Ohne dass wir es so richtig bemerkt haben, ist Pedro Almodóvar alt geworden. Dabei sind ja bereits 30 Jahre vergangen, seit sein erster großer internationaler Erfolg »Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs« (Mujeres al borde de un ataque de nervios, 1988) unsere Aufmerksamkeit erregte. In »Leid und Herrlichkeit« (Dolor y gloria) hat der spanische Regisseur jetzt so etwas wie ein filmisches Resümee seines bisherigen Lebens und Schaffens gezogen.

Dazu hat er sich eines Alter Egos bedient, des (natürlich auch) angesehenen Filmregisseurs Salvador Mallo. Der schaut zwar noch sehr respektabel aus – Antonio Banderas spielt ihn und ist dafür schon in Cannes ausgezeichnet worden – doch im Inneren seines Körpers ist er ein Wrack. In seiner aktuellen Verfassung scheint er zu Dreharbeiten nicht fähig.
Auch Salvadors größter Erfolg liegt 30 Jahre zurück. Er trägt den Titel »Sabor« und soll, soeben sorgfältig restauriert, in einer Galavorstellung im Rahmen einer Retrospektive gezeigt werden. Salvador will zusammen mit dem Hauptdarsteller Alberto Crespo (Asier Etxeandia), mit dem es bei den Dreharbeiten zum Zerwürfnis gekommen ist, den Klassiker präsentieren.
Bei dem ersten Besuch in dessen Haus bietet Alberto dem schwer angeschlagenen Regisseur, gewissermaßen als Schmerzmittel, Heroin an.
Nun ist Almodóvar nicht abgeneigt, wenn es um Provokationen geht. In dem oben genannten Werk nahm er sich lange vor dem Smartphone die Kommunikation per Telefon aufs Korn, auch die katholische Kirche griff er an, bevor dies allgemein zum guten Ton gehörte (»La Mala Educacion – Schlechte Erziehung«, 2004). Jetzt ist es also das Rauchen von Heroin, zu dem er nicht die nötige Distanz findet. Wie sein Salvador sich wiederholt zudröhnt (der Film kann sich daran gar nicht sattsehen), ist dann doch ermüdend, wenn nicht ärgerlich anzuschauen und keineswegs so amüsant wie die vor Wut aus dem Fenster geworfenen Telefone.
Andererseits nehmen für den Film die Sequenzen ein, in denen Salvadors Kindheit geschildert wird. Als kleiner Junge lebt er, gespielt von Asier Flores, der das Zeug zu einem Kinderstar hat, in einer hell getünchten Höhle – ein schöner filmischer Einfall, der nach Almodóvars eigenen Angaben keinen realen Hintergrund besitzt.
Penélope Cruz, in der Almodóvar »immer das Inbild der spanischen Film-Mutter gesehen« hat, spielt die Mama des Jungen, der einem älteren und größeren jungen Mann Lesen und Schreiben beibringt. Das klassische Lehrer-Schüler-Verhältnis ist hier umgedreht.
Dies und die malerische Höhle sowie die gesamte Galavorstellung und die frappante Ähnlichkeit Salvadors mit seinem einstigen Liebhaber Federico (Leonardo Sbaraglia) sind surrealistische Einfälle, die zeigen, dass Almodóvar seinen Luis Buñuel kennt und nicht nur dessen Erzählstil weiterentwickelt.
Er weiß, dass Film eben ein großes Täuschungsmanöver ist, das nur auf der Leinwand oder heute auf den Bildschirmen der neuen Medien überzeugend wirken muss. Mit der Schlusspointe erklärt er auch, wie aus der dunkeläugigen Penélope Cruz die blauäugige, am Ende ihres Lebens stehende Mutter (Julieta Serano) geworden ist. Es hat eben mit dem Medium Film zu tun. Nach »Das Gesetz der Begierde« (La ley del deseo, 1987) und »Schlechte Erziehung« ist dies Almodóvars dritter biographisch getönter Spielfilm. Er zeigt, dass er auch das Buñuelsche, manchmal kaum merkliche Augenzwinkern beherrscht.

Claus Wecker
LEID UND HERRLICHKEIT (Dolor y gloria)
von Pedro Almodóvar, E 2019, 113 Min.
mit Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Leonardo Sbaraglia, Penélope Cruz, Nora Navas, Julieta Serrano
Drama
Start: 25.07.2019

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