Julian Barnes erzählt eine tragische Liebesgeschichte

Der gedruckte Titel »Die einzige Geschichte« ist säuberlich durchgestrichen; dreimal, auf dem Schutzumschlag, dem Buchrücken und im Buch selbst. Aber, gut lesbar, jeweils in Handschrift, wieder hinzugefügt. Das heißt: Es ist und ist nicht – die einzige Geschichte. In dieser Spannung bewegt sich Julian Barnes neuer Roman. Der englische Erzähler, 1946 in Leicester geboren, hat seit »Flauberts Papagei« (engl. 1984, dt. 1987) immer wieder bewiesen, wie gut er erzählen kann. Zuletzt, 2017, in dem ergreifenden Roman über den russischen Komponisten Schostakowitsch, der während der Stalin-Ära Nacht für Nacht auf seine Verhaftung wartete.

Paul, neunzehn Jahre alt, wächst einige Meilen südlich von London in einer gutbürgerlichen Gegend auf. Er ist »ein Sportler mit Kampfgeist«. Leicht englisch-exzentrisch, findet er es unsportlich, »auf einen ruhenden Ball einzuschlagen«, wie z. B. beim Golf. Er spielt Tennis. Nach einem Jahr an einer Uni, kehrt er für kurze Zeit ins Elternhaus zurück. An seinen Eltern hat er einiges auszusetzen: »Sie stehen mir im Weg und lassen mich nicht erwachsen werden.« Oder, so meint er, »die Ehe meiner Eltern ist eine Kollision von Klischees.« Im Tennisclub lernt Paul die 48jährige Susan kennen und lieben. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter, die nicht mehr zu Hause wohnen.
Paul verfügt über feste Überzeugungen. Er weiß, »dass die Liebe unvergänglich ist, dass die Zeit ihr nichts anhaben und kein Schatten sie trüben kann«. Und, vor allem, ist er sicher: »die erste Liebe bestimmt das ganze Leben«. Susan »lacht gerne und viel über das Leben« und manchmal »dient dieses Lachen dazu, das Denken zu vermeiden«. Aber das stört ihn nicht. Wenn er alleine ist, versucht er seine intensiven Gefühle zu begreifen. »Einerseits erscheint mir die Liebe wie das gewaltige und schlagartige Schwinden eines lebenslangen Stirnrunzelns. Gleichzeitig aber habe ich das Gefühl, als hätte sich die Lunge meiner Seele mit reinem Sauerstoff angefüllt.« Dass Paul die meiste Zeit in Susans Haus verbringt, scheint ihren Ehemann Gordon kaum zu stören. Er ist »freundlich und höflich, nur manchmal sarkastisch und grob«. Doch irgendwann ist auch Gordon mit dieser Dreierkonstellation überfordert. Er wird gewalttätig, stößt Susans Kopf gegen die Tür, die Vorderzähne brechen ab. Und Paul wird langsam klar, dass in Susans Ehe jahrelange »Tyrannei ohne Sex mit Alkoholismus und körperlichen Übergriffen« stattfindet und dass seine geliebte Susan ein »beschädigter Mensch« ist, der sich das Desaster ihrer Ehe nicht eingestehen kann. Als Paul einundzwanzig und Susan fünfzig ist, kaufen sie sich ein kleines Haus und ziehen nach London. Er studiert Jura, um einmal Rechtsanwalt zu werden. Aber »sein übertriebener Ehrgeiz galt allein der Liebe«. Selbst als Susan zu trinken beginnt, ist er noch überzeugt, sie mit »liebevoller Nachgiebigkeit und liebevoller Strenge, mit Gefühl und Verstand, mit Wahrheit und Lüge, Versprechungen und Drohungen, Hoffnung und Gleichmut« retten zu können. Vergeblich. Nach zehn Jahren verlässt er sie und zieht aus. Er ist beruflich viel unterwegs, hat wechselnde Beziehungen. Susan kann nicht mehr alleine leben und wird schließlich in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Hier erst wird die seltsame Titelgestaltung verständlich, durchgestrichen und wieder hergestellt. Paul sieht es als seine »Aufgabe im Leben … Susan richtig in Erinnerung zu behalten«. Er wehrt sich gegen die »erschreckendste Entdeckung seines Lebens«, dass »selbst die glühendste und aufrichtigste Liebe … zu einem Gemisch aus Mitleid und Zorn gerinnen kann«.
Kurz vor Susans Tod besucht er sie noch einmal in der Klinik. Er spürt keine Schuld, »keine Träne trat in mein Auge«. Das ganz normale Leben geht weiter. „Auf dem Weg nach draußen ging ich zum Empfang und erkundigte mich nach der nächstgelegenen Tankstelle.“
Julian Barnes hat einen bewegenden Roman über die Vergänglichkeit der großen Liebe geschrieben. Er erzählt »Die einzige Geschichte« so, dass wir verstehen: es kann im Leben nie nur eine Geschichte geben.

Sigrid Lüdke-Haertel (Foto: Urszula Soltys)
Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2019, 304. S., 22 Euro.

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