Ist das wichtig? Michelle Elie im Museum Angewandte Kunst

Noch bevor ich die Ausstellungsräume betrete, hadere ich mit den Begrifflichkeiten. Das ist vielleicht falsch, aber es ist so.
Michelle Elie, die in den Werbe- und Pressetexten zur Ausstellung stets als Stilikone und Influencerin eingeführt wird und stets auch als Haitianerin, hat Kleidung der Japanerin Rei Kawakubo gesammelt, besser bekannt unter ihrem Firmennamen »Comme des Garçons« und das Museum für Angewandte Kunst präsentiert sie unter der Überschrift »Life doesn’t frighten me«.
Wer ist Michelle Elie? Und warum schreckt sie das Leben nicht? Weil Michelle Elie Haitianerin ist? Weil sie Mode sammelt? Nun gut, dass mag als Widerspruch durchgehen: Aus einem der ärmsten Länder der Welt zu stammen und Geld für teure Mode zu haben. Aber in den Presseunterlagen erfährt man, dass sich der Titel auf ihren Mut bezieht, die nahezu untragbare Mode der Japanerin Rei Kawakubo zu tragen, um damit gesellschaftlich geprägte Körperbilder aufzubrechen. Das, so steht es weiter im Text, habe sie zur Modeikone und Influencerin gemacht.
Ist der Begriff der Influencer*in nicht schrecklich, Beeinflusserin? Wer will denn öffentlich zugeben, dass er/sie beeinflussbar ist? Klar sind wir das alle, aber ist das etwas, worauf man stolz sein kann? Außerdem fällt mir bei Influencer*in Cathy Hummels ein, die sagt, sie sei das auch, bla, bla, bla.
Michelle Elie, so meint die Kuratorin Mahret Krupka, würde sich selbst nie als Influencerin bezeichnen, und anders als andere würde sie keine Honorare annehmen und hätte noch nie ein Kleid von Rei Kawakubo bekommen. Gut, dass das jetzt klar ist.
Dass Mode einen konstituierenden Beitrag zur Geschlechteridentität leistet, das ist keine Nachricht, die man als Neuigkeit verbreiten müsste, dafür ist sie einfach zu alt. Die einen machen Kleider, um die Geschlechteridentität zu betonen, die andere, um sie zu zerstören bzw. zu zeigen, wie fragil diese Zuweisung eigentlich ist. Richtig Revolutionäres haben auf diesem Gebiet Coco Chanel mit ihrer Anti-Korsettmode, Marlene Dietrich mit ihren Hosenanzügen und Yves Saint Laurent mit seinem Smoking geleistet, vielleicht noch der traurige Alexander McQueen mit seinen schrecklichen Krallen-Schuhen, auf denen keine laufen kann, sozusagen der Rückschritt zu den gebrochenen Füßen der Chinesinnen.
Wie verhält sich dazu die Kleidung, die Rei Kawakubo entworfen hat? Es geht etwas unglaublich Starkes und Selbstbewusstes von ihren Entwürfen aus, etwas nahezu Barockes, und auch etwas sehr Lustiges. Ihre Kleider würden zum Beispiel nie Beyoncé oder Jennifer Lopez tragen, die eher sexualisierte Körperrüstungen bevorzugen. Kawakubos Kleider haben nichts Straßenschmutziges, was ja auch ziemlich gut ist, sie sind eher unglaublich phantasievolle Karnevalskostüme, sie sind Gemälde mit vielen Bezügen zur Architektur – wie auch bei ihren männlichen Kollegen Issey Miyake und Yohji Yamamoto.
Mode ist das nicht, was sie macht, wenn man Mode als etwas definiert, was alle sechs Monate neu erfunden wird, um Trends zu setzen. Die sphinxhafte papierdünne Modeschöpferin selbst trägt ausschließlich Existenzialistenschwarz, die von ihr entworfenen Kleider hingegen sind wahre Orgien der Farbe und der Form. Rot kommt oft vor, wunderschön bemalte Seide, Ausbuchtungen, Verformungen, aufgeblähte wulstige Ärmel, aufgenähte Kegel, Schlitze, Löcher, punkige Sicherheitsnadeln. Was sie auf keinen Fall betonen, ist den Körper in seinen natürlichen Proportionen. Er ist bloß das Gerüst, das diese Stoffhüllen trägt. (Dünn sollte er allerdings sein …)
Und hier kommt Michelle Elie ins Spiel. Das ehemalige Model, das heute in Köln lebt, ist ja ein williges Gerüst. Sie hat 49 Modelle aus ihrer Sammlung für die Ausstellung ausgesucht. Aber aufgepasst, sie ist auch ein verrücktes Huhn, und es ist Klasse, dass sie die Accessoires zu den Kawakubo-Entwürfen in Kölner Karnevalsläden und in Sexshops zusammen sucht.
Und es hat etwas Befreiendes. Denn die Mode von Kawakubo ist nicht befreiend, sie kann erdrückend sein, es ist durchaus eine Belastung, sie zu tragen. Mit einigen Modellen, z.B. dem Wolkenkleid, kommt man nicht einmal durch die Tür, andere kann man gar nicht ohne fremde Hilfe anziehen.
Vielleicht sollte man die inflationär gebrauchten Begrifflichkeiten von Ikone, Legende, Influencer*in einfach mal beiseiteschieben? Sondern hinsehen, was da vor einem steht? Das irritiert nämlich. Und sich dann selbst so seine Gedanken machen. Ist das feministisch? Oder genau das Gegenteil? Welches Frauenbild verfolgt Rei Kawakubo, welches Michelle Elie? Übrigens sind alle Modellpuppen dunkelhäutig und tragen die Gesichtszüge von Michelle Elie. Denn es ist ihre Ausstellung und nicht die von Rei Kawakubo – die übrigens noch nie öffentlich in einer ihrer typischen Kreationen zu sehen war.

Susanne Asal (Foto: © Phil Oh)

bis zum 1. November: Di., Do.–So., 10–18 Uhr; Mi., 10–20 Uhr
www.museumangewandtekunst.de

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