»Ich war zuhause, aber« von Angela Schanelec

»Ich wurde geboren, aber …« – was für ein Titel! Und was für ein Film. Jedenfalls einer, mit dem man die Meisterschaft von Yasujiro Ozu entdecken kann und mit ihr die Fähigkeit des Kinos, nicht bloß Menschen sichtbar zu machen, sondern auch das, was zwischen ihnen geschieht. Liebe und Macht, um genau zu sein. Und warum das nie wirklich glücklich enden kann.

Es geht um die Familie eines Mannes, der zwei Gesichter haben muss, das eine des gütig-strengen Patriarchen daheim, das andere des unterwürfigen Angestellten gegenüber seinem Chef, dem er auch privat willfährig zu sein hat. Es ist ein Film, bei dem das doppelte Spiel auffliegt. Die zwei Söhne müssen lernen, ihren Vater ganz anders zu sehen. Leicht ist das nicht.
Einen Film »Ich war zuhause, aber« zu nennen, zeugt also von Selbstbewusstsein und Demut gleichermaßen. Die Beziehung der beiden Filme, zwischen denen fast neunzig Jahre liegen, ist durchaus verzwickt. In vielem gibt es Entsprechungen und Negative, und es gibt, wenn man es so sehen will (so offen sind beide Filme), ein ähnliches Ende. Eine Bindung, die eine große Enttäuschung überlebt. Oder eine, die sich von einer organischen Selbstverständlichkeit in bewusste Solidarisierung verwandelt. Aber natürlich sind das schon moralische Ableitungen.
Wenn man den Plot von »Ich war zuhause, aber« nacherzählt, sollte man vielleicht darauf hinweisen, dass die meisten der Plot-Points als explizite Szenen gar nicht vorkommen. Angela Schanelec dreht sozusagen um das, was den »realistischen« Bilderzählern gerade recht käme, herum. Was dem üblichen Plot-Script das Wichtigste wäre, wird indirekt wiedergegeben, scheinbare Nebensachen, wie die Rückgabe eines defekten Fahrrads, benötigen dagegen lange Zeit. Und eine Geduld, die mit großer cineastischer Intensität belohnt wird.
Der 13-jährige Phillip verschwindet plötzlich, ohne Nachrichten oder Spuren zu hinterlassen. Erst nach einer Woche taucht er wieder auf, seine Kleidung trägt Anzeichen von Schmutz und Natur. Was wirklich geschehen ist, wird niemand erfahren, die Lehrer nicht, seine Mutter Astrid nicht, seine jüngere Schwester Flo nicht – und wir Zuschauer erst recht nicht. Vielleicht hat es etwas mit dem Tod seines Vaters zu tun, vielleicht aber verhält es sich so, wie Astrid dem Lehrkörper (den sie als »Heizkörper« adressiert) zu vermitteln versucht: »Es hat damit zu tun, dass er ein Mann ist – oder wird. Es gibt kein Wort für diesen Zustand.« Ein wenig schweifen die Gedanken an die Indianergeschichten unserer Träume: Musste da nicht, wer ein Mann werden wollte, allein in die Natur, um einen Namen zu finden? Und man denkt an die Eingangssequenz zurück (die vermutlich in die Geschichte der Eingangssequenzen eingehen wird): Ein Hund, der durch felsiges Land einen Hasen jagt, der irgendwann die Flucht aufgibt. Der Hund frisst in einem verlassenen Haus seine Beute, ein Esel beobachtet dies und jenes, darunter wohl auch den zuschauenden Menschen.
Die Schüler proben eine Aufführung von »Hamlet«. Astrid hat eine etwas kühle Beziehung zu einem Tennisspieler. Die Tochter will sich in ihrer Abwesenheit Pfannkuchen machen, was einen fast schon existentiellen Zornausbruch auslöst: Astrid schmeißt ihre Kinder sogar aus der Wohnung. Sie will ein Fahrrad kaufen, aber das erweist sich als defekt, was zu einer schwierigen Rückabwicklung des Geschäfts führt. Mit einem Kollegen ihres Mannes verwickelt sie sich in ein Gespräch über Kunst und Wahrhaftigkeit; sie weiß wirklich nicht, warum sie sich dabei so aufregt. Matthew Ward singt eine langsame, schleppende, gebrochene Version von David Bowies »Let’s dance and put on your red shoes«. Am Ende schaut wieder der Esel aus dem verlassenen Haus.
Traum- und Märchenbilder von einer Rückkehr der Natur in die Zivilisation haben sich mit gefilmten Diskursen gekreuzt; Verluste und Verlustängste durchbrechen den Willen der Rückkehr zum »normalen Leben«, die Protagonisten müssen am Ende, wie bei Ozu, ihr Leben, ihre Beziehungen, ihre Gesellschaft anders sehen.
Die Bilder sind so sorgfältig komponiert, manche Szenen wirken eher wie theatrale Kunst-Choreographien als Szenen aus dem Leben. Sogar Autos defilieren mehr, als dass sie vorbeifahren, und das Fahrrad kommt ohnehin nie zum Einsatz. Aber wir haben ja auch die Menschen, natürlich allen voran Maren Eggert, deretwegen man »Marseille«, »Orly« und »Ich war zuhause, aber« auch als Trilogie ansehen könnte. Eine Trilogie vom Verlorengehen und Wiederfinden zum Beispiel.
Angela Schanelec ist eine der genauesten Beobachterinnen unter den Filmemachern, die man der Berliner Schule zugeordnet hat. Wenn Liebe, unter vielem anderen, auch bedeuten kann, Macht abzugeben, so kann man ihre Kamera liebevoll nennen. Sie tritt respektvoll zurück, lässt Raum und Zeit den Menschen vor ihr, dringt nicht und drängt nicht, sieht aber auch nie weg und verschleiert nichts. Doch je nachhaltiger und nachhallender die Einstellungen sind, desto schmerzhafter sind die Schnitte. Das Leben ist kein Fluss bei Angela Schanelec.
Entsprechend verhält es sich mit dem Sound Design. Die Dialoge sind »kunstvoll«, fremd, oft gestört oder technifiziert, übersetzt etc.; dafür gibt es konstante Geräusche, vom Rauschen der Bäume über den Straßenverkehr bis zu hallenden oder schlurfenden Schritten. Etwas ist da immer da, was mehr ist als Handlung und Dialog; wie bei Hamlet, dem die letzten Worte gelten: »Nun bricht ein edles Herz; gute Nacht, liebster Prinz, und Engels Schwingen mögen dich zu deiner Ruhe tragen.«
Um nichts anderes als um die Existenz in Widersprüchen geht es. Filmemachen ist ja genau das, der Versuch das Leben zu erklären. Sonst wäre es ja der Mühe nicht wert. Es ist dies übrigens einer jener Filme, bei denen es nicht schadet, sie zweimal zu sehen. Mindestens.

Georg Seeßlen (Foto: © Nachmittagsfilm)
ICH WAR ZUHAUSE, ABER
von Angela Schanelec, D/SRB 2019,
105 Min., mit Maren Eggert, Jakob Lassalle, Clara Möller, Franz Rogowski, Lilith Stangenberg, Alan Williams
Drama
Start: 15.08.2019

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