Hope and Glory (295)

Night of the Proms

Für die diesjährige britische Großveranstaltung »Night of the Proms«, die traditionsgemäß mit der Aufführung von Edward Elgars »Pomp and Circumstances« endet, zu dem ein vieltausendköpfiges Publikum »Land of Hope and Glory« singt (Text: Arthur Benson – verfaßt 1902 zur Krönung von Edward VII.), ein durch und durch patriotischer Song, der so gut wie jeden Menschen mitreißt. Was vor allem an Elgars Musik liegt. Im Text besingt eine Nation ein Zusammengehörigkeitsgefühl, voll Stolz auf ihre Geschichte, der, wenn auch mit einigen Makeln behaftet (dem Burenkrieg zB), im Großen und Ganzen nicht unberechtigt ist. Die Briten hatten als erste eine Verfassung, eine konstitutionelle Monarchie, Habeas Corpus – und sie haben als erste (1807 in den Kolonien, 1834 überall) per Gesetz die Sklaverei abgeschafft – während keiner der vielgepriesenen französischen Aufklärer jemals auch nur einen Gedanken daran verschwendet hat, die Ideale der Revolution auch auf die Schwarzen auszuweiten.

Der in der Ukraine geborenen finnischen Gast-Dirigentin Dalia Stasevska, die sich zu »Black Lives Matter« zählt, war das ein Dorn im Auge. Gemeinsam mit der ehemals ehrwürdigen Mutter BBC hat sie erreicht, daß »Land of Hope and Glory« und »Rule Britannia« dieses Jahr nur instrumental aufgeführt werden. Was sich bestenfalls in Corona-Zeiten und nur ohne Publikum durchführen läßt.

Der Argumentationsstrang: die Lieder sind patriotisch, d.h. nationalistisch, und sie verklären die mit dem Frevel der Kolonisation behaftete britische Geschichte, die die Sklaverei, wenn nicht hervorbrachte, so doch protegierte.

 

Ninotschka

Vor vielen Jahren – als wir alle noch linksradikal oder sponti waren, manche von uns gar beides, in den 1970er Jahren und in der Erinnerung noch grün also, lief eines abends in HR3 der Film »Ninotschka« von Ernst Lubitsch. Bei der Wiederbesichtigung dieses Filmes – ich hatte ihn als Lubitsch-Fan natürlich schon ein paar mal gesehen – fiel mir, nicht zum ersten Mal, auf, daß das Werk unzweifelhaft antikommunistisch ist.

Nun hatte mir einer vom KSB, dem Kommunistischen Studentenbund, gerade erklärt, ich müsse für eine Kapitalschulung (das ZK unserer WG hatte jedem Mitglied eine solche empfohlen) 120 Mark bezahlen. Weil ich das unverschämt fand, hatte ich begonnen, Marx selber, also ohne Anleitung des gelehrten Marxisten, er ist mittlerweile Partner einer internationalen Anwaltskanzlei, zu lesen. Ein Ärgernis ohnegleichen, weil mir der Mann (Marx) zu faul gewesen schien, seine verschwurbelten Gedankengänge in verständliche Sprache zu übersetzen – womöglich damit man nicht gleich merkt, was für verschwurbeltes Zeugs das ist. Ich rede hier von der Entfremdungstheorie, den Theorien über den Mehrwert, der Arbeitswertlehre und dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate. Außerdem fragte ich mich, ob ein Kumpel, der gerade eine Schreinerlehre machte, nach seinem 50. Stuhl immer noch zärtliche Gefühle zum Produkt seiner Hände (und Drehbank) entwickle. Der Knabe meinte, die Stühle seien ihm alle scheißegal, das einzige, was ihn interessiere, seien Autos, Rock’n Roll und Mädchen. Keine schlechte Wahl, dachte ich, höchstens über die Reihenfolge könnte man sich streiten. Und ärgerte mich weiter, wieso ein längst überholter Blödsinn wie die Verelendungstheorie erstens immer noch geglaubt und zweitens auch noch mit dem Siegel »Wissenschaft« ausgezeichnet in so vielen Schaufenstern liegt und bewundert wird.

Ich war mithin nie Kommunist, an günstigen Tagen belächelte ich sie wie man die Mitglieder einer Sekte belächelt (nett, aber bißchen arm an Geist), an schlechteren habe ich sie gehaßt – zB auf der Autobahn nach Berlin, als sie mich mit Maschinenpistolen hinter einer unübersichtlichen Kurve aus dem VW-Bus holten, um mir 120 Mark wegen angeblichen Zuschnellfahrens abzuknöpfen. Kommunisten und ich: es ging immer um 120 Mark, und da kann ich noch von Glück sagen.

Trotzdem – ich weiß nicht genau warum – fühlte ich an diesem   »Ninotschka«-Abend einen unwiderstehlichen Drang, beim HR anzurufen, um dort mitzuteilen, daß der Film antikommunistisch ist. Vielleicht war es Wichtigmacherei, vielleicht ging es mir um Meinungsfreiheit, ich weiß es nicht. Die Erinnerung daran läßt mich heute noch vor Scham erröten.

Die Telefonistin des HR, der ich mein Anliegen vortrug, rettete mich. In breitem Hessisch sagte sie, die beim Telefonieren offensichtlich auch »Ninotschka« guckte, »Alles müßter ahm kaputtmache« und legte auf. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar.

 

Die Telefonistin

Schade, daß es so eine Telefonistin nicht mehr gibt. Ich kann nur hoffen, daß Dirigentin Dalia Stasevska auch ohne deren Intervention eines (wenn auch fernen) Tages vor Scham erröten wird.

 

Kurt Otterbacher

 

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