Hessisches Staatsballett tanzt Ohad Naharins »Sadeh 21« in Darmstadt und Wiesbaden

Eine stete Folge von rasch wechselnden Szenen ist das Kennzeichen dieses Abends. Gleich zu Beginn tritt auf der modernistischen hellen, hinten durch eine Mauer gefassten Bühne eine Tänzerin oder ein Tänzer nach dem anderen für ein Solo von aphoristischer Knappheit auf. Unerhört stark und prägnant ist jeder einzelne davon. Später spinnt sich das fort in einer unendlichen Folge von Soli, Duos, Trios, wechselnden kleinen Gruppen und großen Ensembleszenen. Dicht gedrängt in einem Fluss von nicht ganz eineinviertel Stunden, in denen Bild für Bild konzise alles auf den Punkt gebracht wird.
Der israelische Choreograf Ohad Naharin, einer der auffälligsten seiner Generation (Jahrgang 1952) schickt von der Batsheva Dance Company, deren Leiter er seit 1990 ist, seine Leute in die Welt, die seine Stücke mit anderen Tanzcompagnien einstudieren. »Sadeh21« haben Rachael Osborne und Ian Robinson mit dem Ensemble des Hessischen Staatsballetts erarbeitet. Nach jener Methode, die Naharin »Gaga« nennt und bei der es sich laut Programmheft um »ein völlig neues Konzept der Bewegungserfahrung« und ein »geistiges und körperliches Über-sich-Hinausgehen« handeln soll. Was offenkundig derart gut verfängt, dass sich der Eindruck einer ungemeinen Frische vermittelt. Derart, dass man meinen könnte, es sei ebendiesen tanzenden Individuen auf den Leib geschrieben und mit ihnen entwickelt worden – und nicht mit jenen der Uraufführung mit der Batsheva Dance Company 2011 in Tel Aviv. Sadeh ist im Übrigen das hebräische Wort für Feld.
Die Szenen sind voller Verve und Rasanz. Der mitprägende Soundtrack wechselt zwischen elektronisch geprägten minimalistischen Texturen von Autechre & The Hafler, einer Variation über Pachelbels Kanon, Brian Enos »Discreet Music« und elegischen Streichern um das Cello von David Darling. Nähe und Distanz, Individuum und Gruppe – lange hat man diese ewigen Themen des zeitgenössischen Tanzes nicht mehr so triftig in körperliche Interaktion umgesetzt gesehen. Die bewegungssprachlich brillant fokussierten Bilder kommen bisweilen einer Abfolge skulpturaler Posituren gleich.
Ein komisches Stück ist das nicht, doch sind etliche Szenen von einigem Witz. Der barhäuptige Ramon A. John stellt sich in die Mitte der Rampe und setzt mit einer grotesk vogelartig hohen Stimme zu einer lautsprachlichen Rede an. Immer wieder kommt es zu parallelen Handlungen vorne und hinten. Die Männer treten in schwarzen Frauenkleidern an und bilden Ketten in showmäßig pointierter Reihung.
Der Mensch strebt danach, seine Individualität auszuleben, zugleich ist er auf den – eher freizügig charakterisierten – Zusammenhang der Gruppe angewiesen. Schwerfällig indes erscheint das große Ganze. Hand in Hand bilden die Tänzer einen Kreis, träge bloß ist seine Drehung. Hinzukommende werden umstandslos aufgenommen.
Das Stück endet in Ausgelassenheit. Tänzer für Tänzer erklimmt die Mauer und stößt sich nach hinten weg ab, in amüsant selbstdarstellerischen Schrauben, Platschern, Stürzen und sofort. In jedem Fall ist das, ungeachtet einer in Teilen Unheil verheißenden Musik, eine lichte Angelegenheit. Tanzsprachlich ist es immens erfindungsreich. Das ist großartig, ohne Einschränkung.

Stefan Michalzik (Foto: © Bettina Stöß)
Termine Wiesbaden: 16., 21. Dezember, jeweils 19.30 Uhr.
Termine Darmstadt: 28. Dezember, jeweils 19.30 Uhr
www.hessisches-staatsballett.de

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