»Gundermann«von Andreas Dresen

Ob es Gerhard Gundermann wirklich gegeben hat oder ob er eine von Andreas Dresen und seiner Co-Autorin Laila Stieler ausgedachte Figur ist, hat im Grunde wenig Bedeutung. Zumal, wenn man ohnehin der Meinung ist, dass die Kennzeichnung »nach einer wahren Begebenheit« einen Spielfilm nicht unbedingt auszeichnen muss. Der hat ohnehin seine eigenen dramaturgischen Gesetze.

Nun, den 1998 verstorbenen Gundermann gab es wirklich, den Baggerfahrer im Lausitzer Braunkohleabbau und Liedermacher in der Zeit vor und nach der Wende. Ein überzeugter Sozialist, der gerade deshalb in der DDR öfter aneckte. Aus der Armee flog er, weil er sich weigerte, ein Loblied über einen General zu singen. Das sei doch Personenkult. Auch aus der Partei wurde er ausgeschlossen, danach abgeschwächt in eine strenge Rüge, und Jahre später kam der endgültige Rausschmiss. »Der Genosse hat den Vor- und den Nachteil, dass er sagt, also ausspricht, was er denkt«, erläutert eine Arbeitskollegin bei einer Befragung.
Gundermann, der Held, der gewissermaßen geschützt als fleißiger Werktätiger, den SED-Oberen den Eulenspiegel vorhielt. Einer, der sehnsuchtsvoll-poetische Lieder über den Alltag und über die Liebe sang, von Gundermann-Darsteller Alexander Scheer ausgiebig vorgetragen. Dass die Beziehung zu seiner Frau Conny (Anna Unterberger) nicht unproblematisch blieb, kann man sich denken.
Der andere Gundermann ist weniger heroisch: Nach der Wende wird er als IM enttarnt, der selbst auch von der Stasi bespitzelt wurde. Eine verrückte Geschichte, die ein bezeichnendes Licht auf die DDR wirft.
»Gundermann« ist schon deshalb ein bemerkenswerter Film, weil er versucht, die DDR sozusagen von innen heraus zu erklären – als ein Zwangssystem, das permanent die eigenen Ansprüche verfehlt, die schwadronierend vorgetragen werden.
Wie also reagieren, wie ein Leben führen unter diesen Umständen? Im Film gibt es den bornierten SED-Sekretär und den, der verständnisvoll tut, aber in Wahrheit unerbittlich gegen Abweichler vorgehen wird. Die beschwichtigende Mehrheit murrt nur leicht, weil sie sowieso nichts ändern kann und in Ruhe gelassen werden will.
»Gundermann« spielt in den 90er-Jahren, wenn der Sänger seine Stasi-Vergangenheit offenlegt. Von dort springt der Film immer wieder in die DDR-Zeit zurück, schildert wichtige Situationen und schafft dadurch ein differenziertes Bild von Gundermann, der später treuherzig bezweifelt, Schaden angerichtet zu haben, und von den Opfern eines Besseren belehrt wird.
Durch einen Dresen-Film bekannt zu werden, was einst Axel Prahl mit »Halbe Treppe« passierte, das könnte jetzt Alexander Scheer blühen, der Gundermann in all seinen Facetten glaubhaft verkörpert, und vielleicht auch Anna Unterberger. Zu wünschen wäre es ihnen.

Claus Wecker (Foto: © Peter Hartwig/Pandora)
GUNDERMANN
von Andreas Dresen, D 2018, 128 Min.
mit Alexander Scheer, Anna Unterberger, Axel Prahl, Thorsten Merten, Eva Weißenborn, Benjamin Kramme
Drama
Start: 23.08.2018

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