Gerd Koenen und Alf Mayer über den neuen Gedichtband von Ingrid Mylo

Fern jeder Erzählung heißt die vorletzte Zeile in Ingrid Mylos neuem Gedichtband. Zwei Fotos von Frank Horvat (1928 – 2020) auf den Umschlag-Innenseiten der Klappenbroschur rahmen ihre fast 70 Gedichte ein. Der im letzten Oktober im Alter von 92 Jahren gestorbene Pariser Fotograf war ihr ein herzensnaher Freund; immer war es schön zu hören, wie sie von ihm sprach. Seine von ihm noch eingerichtete Internetseite Horvatland trägt das Motto: »photography is the art of not pushing the button«. Ich wäre gerne Mäuschen gewesen, wenn die beiden sich unterhalten haben.
Wie fotografiert man? Wann ist es der richtige Moment? Wie sagt man etwas mit Gedichten? Und mit welchem Wort? Einmal, unbedarft, vor vielen Jahren, ich hatte einen Text bei ihr bestellt, bekam ich mit, wie unglaublich skrupulös und mühsam Ingrid Mylo nach dem einen »richtigen« Wort sucht. Ich habe also eine kleine Ahnung davon, durch wie viele Täler, Keller, Wälder und Wolken sie steigt, um auch nur zwei Zeilen für sich als perfekt gelten zu lassen.
Silberzüngig: auch so ein Wort, aufbewahrt
in der Streichholzschachtel neben dem Bett …
heißt es einmal in dem Band. Viele der Gedichte schauen dem Tod, der Vergänglichkeit, dem Vergessen ins Gesicht. Unerschrocken. Genau. Ja geradezu erbarmungslos genau. Ingrid Mylo ringt Tod und Verlust die Schönheit ab. Der beste Weg etwas zu lieben: realisieren, dass man es verlieren kann. Längst nicht immer ist da Trost. Schon gar kein billiger. Aber viel Schönes, tiefenscharf. Diamantenes Funkeln. Und ganz viel Farbe. Präzise bezeichnet.
… Blau,
sagst du. Um nicht zu sagen:
Sehnsucht …
Was richtet die Helligkeit an, schließt der Band.
Es ist ein Buch, in das man noch oft zurückkehren wird.

Alf Mayer

Die Schatten, die Ingrid Mylo in ihren Versen wirft (und sie selbst ist es ja, die sich in jeder Zeile zu erkennen gibt), ergeben, wenn man sich hineinliest, so etwas wie eine Schattenlinie, der man zögernd folgt und die man, wenn man sie einmal betreten hat, nicht so leicht wieder verlassen wird. Die Dichte der aufblitzenden Metaphern und assoziativ evozierten Szenerien, und wiederum die Sorgfalt, mit der Worte und Sätze, oft mit diffizil und sorgsam gesetzten Kommas oder Doppelpunkten, miteinander verknüpft sind, sodass sie ihren Sinn oder ihren Reichtum erst preisgeben, wenn man sie mit ebenso viel Sorgfalt liest wie sie geschrieben wurden, erzeugen alle zusammen einen Sog und einen Bewusstseinsstrom, der einem Lethestrom gleicht, dem schwarzen Strom des Vergessens, der uns vom Reich auf der anderen Seite trennt. Noch leben wir auf dieser Seite, aber viele derer, die in winzigen Reminiszenzen oder in »objets perdues« (Strickjacken, Handschuhe) erinnert werden, sind lange schon im Schattenreich drüben – und trotzdem noch da, präsenter vielleicht als zu Lebzeiten, und intensiver erinnert als andere, die für einen Moment etwas bedeutet haben.
Die Schatten, die wir werfen, sind am Ende wir selbst. Und die Verse, in die Ingrid Mylo diese Schatten und uns bannt, sind auf einen Ton gestimmt und laufen auf Pointen hinaus, die wenig Trost bieten; oder allenfalls wie Fotografien es tun, die den Augenblick, der längst vergangen ist, zu fixieren vermögen, sodass man ihn, wenn auch nur für den kurzen Moment der Betrachtung, doch festhalten kann (ohne, wie Doktor Faustus, dafür seine Seele verkaufen zu müssen). Ingrids Gedichte ähneln oder nein: sie sind ihrer Grundstimmung nach Schwarz-Weiß-Aufnahmen, aus denen – wie moderne Bildbearbeitungsprogramme es können – einzelne Farben schmerzhaft stark hervorstechen, die wiederum sinnliche Reize und Assoziationen jeder Art evozieren.
Das alles sind natürlich nur meine Assoziationen als Leser. Und womöglich könnten sie die Autorin selbst irritieren oder sogar kränken, so wenn ich in manchen ihrer Wendungen (»Wann, Freundin, hätten wir …« oder »Ach, die Namen …«) einen hohen Ton höre, der mir aus den trunkenen Hölderlin- oder auch Rilke-Lektüren meiner frühen Jahre vertraut ist. Gerade diese Verbindung aus Elegie und Gegenwärtigkeit, der Mut, auf Taubenfüßen sich der poetischen Sprachen unserer unaufhaltsam versinkenden Lebenswelt noch einmal entschlossen zu bedienen, um sie in eine Jetztzeit hinüberzubringen, in der die Fahnen neu aufgerichteter Ismen abermals im Winde klirren, in der unsere Lebenswelten noch aseptischer und geruchloser werden, und in der »eine Rose / keine Rose mehr ist und erst recht / keine Rose«, während uns der Boden unter unseren Füßen wegstürzt – gerade dieser Mut ist es, der mir ihre Gedichte sehr nahe bringt. Obwohl oder gerade weil ich die Weltuntergangsängste, die an verschiedenen Ecken hervorscheinen und die Ingrid mit vielen Millennials teilt, als Historiker und Prosaiker, der ich bin, so gar nicht teile. Was ja vielleicht eine Dickfelligkeit ist, die des Antidotums solcher Gedichte wiederum bedarf.
Müsste ich Ingrid Mylos wie Gold aus dem Treibsand unserer Zeit und ihrer vielen, verstreuten Texte herausgesiebtes Gesamtwerk, diese kleine Galerie schmaler, unprätentiöser, schöner Bändchen, zusammenfassend würdigen, dann könnte es sein, dass ich ihre lyrische Prosa ebenso stark oder noch stärker findet als ihre reine Lyrik, ihre Königinnendisziplin sozusagen. Ich schaue in »Zufälliges Blau« (2018), und finde: »Scherben. Blaue Scherben am Straßenrand, unzählige kleine Splitter, ihr Blau so weit weg und weh, als sei eine Erinnerung an früheste Tage aus dem Gedächtnis gestoßen worden und auf den Steinen zerschellt. So viel Bruchstücke, so wenige Anhaltspunkte. Dieses Bild aus der Kindheit setzt du nie wieder zusammen.«
Aber Gott (oder wem immer) sei Dank brauchen wir uns zwischen den verschiedenen Arten ihres poetischen Schreibens ja nicht zu entscheiden.

Gerd Koenen
Ingrid Mylo: Überall, wo wir Schatten warfen.
Gedichte.
edition AZUR, Voland & Quist, Berlin 2021. Klappenbroschur, 80 Seiten, 18 Euro.

Zum Vormerken: Am Sonntag 31. Oktober liest Ingrid Mylo in einer Matinee im neuen Kino »CasaBlanca« in Bad Soden aus Ihrem Gedichtband – und es wird auch über Filme geredet.

Foto: © Thea Emmerich

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