Freies Schauspiel Ensemble zeigt »Die Unvollendete«

Was assoziiert man gewöhnlich mit diesem Titel? Bachs Kunst der Fuge oder Mozarts Requiem, jedenfalls angesehene Kulturgüter im deutschsprachigen Raum. Unvollendet blieb aber auch die Revolution in Deutschland vor 100 Jahren. Ihre Geschichte wird bis heute jedoch weitgehend ausgeblendet, verzerrt, einseitig dargestellt. Umso verdienstvoller, wenn sich nun das Freie Schauspiel Ensemble unter der Regie von Reinhard Hinzpeter daran macht, diesen Versuch der Umgestaltung der Gesellschaft auf die Bühne zu bringen: im Titania in Bockenheim, Schauplatz auch einer legendären Rede von Rosa Luxemburg.
Und so fängt es an: das naive »Heil dir im Siegerkranz« des Mädchenterzetts (Michaela Conrad, Bettina Kaminski, Jana Saxler) ist weggefegt, nur ein blutiges schwarzweißrotes Kaiserporträt als be- und umspieltes Bühnenpodest. Drei Soldaten (Julian Moritz Buch, Ives Pancera, Hans-Peter Schupp) aus einer langen Reihe Hungernder, vom Krieg und den schauerlichen Erinnerungen an die Schreie, ans Töten und ans Sterben gezeichnet, versuchen sich zu rechtfertigen. Derweil wird der Zuschauerraum zur Volksversammlung, zum Rätekongress, zur Straße, und die Darsteller – in dunklen Alltagsklamotten, manchmal mit (rosa?)rotem Partei-Schlips (SPD) oder kommunistisch-rotem Überwurf (Ausstattung: Gerd Friedrich) – präsentieren in wechselnden Formationen ihre Vorstellungen zur Neugestaltung der Gesellschaft.
Hinzpeter hat genau recherchiert und seinen Akteuren Texte von Oskar Maria Graf, Toni Sender (Frankfurt!), Ernst Toller und den stenographischen Berichten vom »Allgemeinen Kongress der Arbeiter und Soldatenräte Deutschlands 1918 in Berlin« in den Mund gelegt: alle sind sie mal Demonstranten, mal Kongressdelegierte der verschiedenen Parteien: (SPD, USPD, KPD), aber auch Soldaten, Bürgerwehr, mörderisches Freicorps und Teil der Großindustrie, die mit ihrem Antibolschewismusfond den Auftrag zur Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs durch rechte Offiziere zu verantworten hat.
Vom Kaiserreich zur Republik – kann das gehen ohne Revolution und ohne Gewalt? Immer wieder halten die damals noch ausgerufenen Schlagzeilen der Zeitungen die Menschen – und die Zuschauer – auf dem Laufenden. Erich Mühsam, Anarchist und beteiligt an der »Unvollendeten« in München, schreibt das Liedchen vom revoltierenden »Lampenputzer« und Tucholsky spöttelt über den »kleinen Kompromiss«, der beim Errichten der neuen Regierungsform das Land in zwei Teile zerreißen könnte. Für das satirische Liedchen, von Markus Neumeyer arrangiert, gibt es Szenenapplaus – wird da nicht leise im Hintergrund die Internationale intoniert?
Die Münchner Räterepublik und ihre Protagonisten sind das Kernstück dieser Inszenierung. Ernst Toller, expressionistischer Dichter und eher unfreiwillig in einer führenden Rolle, sagt am Ende seines Prozesses »Verurteilen Sie mich!«, nacheinander und nachdrücklich von allen sechs Darstellern gesprochen.
Was wäre, wenn … dies alles gelungen wäre? Hätte Hitler vermieden werden können? Keine Antwort auf unstellbare Fragen … Doch anders wäre die Geschichte schon verlaufen. Eine allzu notwendige Auseinandersetzung: nicht nur für Schulklassen!!!!

Katrin Swoboda (Foto: © Felix Holland)
Termine: 1., 2., 8. November, 20 Uhr, 9. November, 19 Uhr
www.freiesschauspiel.de

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