Fotografie Forum Frankfurt zeigt die erste Retrospektive von Graciela lturbides Werk in Deutschland

Die lateinamerikanische Fotografie ist in Europa bis heute wenig bekannt. Und seit Manuel Álvarez Bravo im Jahr 2002 verstorben ist, hat sie keinen einflussreichen Grandseigneur mehr. Oftmals ist es das Erbe des Surrealismus, welches die Fotografie aus Lateinamerika weiterführt – und so ist es auch bei der 1942 geborenen Mexikanerin Graciela Iturbide, deren Werk derzeit im Fotografie Forum in Frankfurt zu sehen ist, das dieser Tage sein 35-jähriges Bestehen feiert.
Viele der gezeigten Arbeiten muten metaphorisch an: Poetisch, feinsinnig und unwirklich sind die Bilder Iturbides, die an der nationalen Filmhochschule Mexikos, dem »Centro de Estudios Cinematográficos« studiert und später als Assistentin von Bravo gearbeitet hat. Schwarzweiß-Fotografien wie die 1979 in Juchitán im südmexikanischen Staat Oaxaca entstandene »Nuestra Señora de las Iguanas« – eine Frau, die einen Kopfschmuck aus Leguanen trägt – oder auch die 1981 in der mexikanischen Sonora-Wüste entstandene Reportage über die Seri-Indianer, »Los que viven en la arena«, treffen ins Herz des Betrachters, weil solche Bilder heute ungewöhnlich geworden sind: tiefe, existentielle Bilder, welche Leben und Tod der Menschen ausleuchten.
Zum ersten Mal nun ist das ganze Werk Iturbides in einer Retrospektive in Deutschland zu sehen. Die von der Fundación MAPFRE in Madrid zusammengestellte Schau zeigt eine Langzeitreportage über matriarchale Gemeinschaften in Südmexiko, Porträts einer Straßengang aus LA, Interieurs aus dem Haus von Frida Kahlo, das die Fotografin im Jahr 2006 als erste fotografieren durfte, aber auch Landschaften, Gärten und Vögel.
Das Besondere an diesen Fotografien ist, dass sich hier der Dokumentarismus mit dem Poetischen auf eine Weise mischt, wie sie nicht nur typisch für das Schaffen der in Mexico-City lebenden Fotografin, sondern auch für die lateinamerikanische Fotografie-Kultur als Ganzes ist. Das Leben ist vom Tod durchdrungen in den 115 zwischen 1969 und 2008 entstandenen Bildern, insbesondere nach dem Tod ihrer Tochter Claudia 1971. Es sind wirkliche Ikonen darunter, wie etwa das Bild jener »Engelsfrau« (sieh Foto) in der Wüste Mexikos, das man, auch wenn man es noch nie gesehen hat, glaubt, schon lange zu kennen. Und selbst die Bilder der mexikanischen Straßengangs in Los Angeles haben weniger einen martialischen als einen poetisch-irritierenden Ton.
Besondere Beachtung verdient die Werkgruppe, die im Haus von Frida Kahlo entstanden ist. Hier fotografierte Iturbide bedrückende Inszenierungen und auch Selbstinszenierungen mit persönlichen Gegenständen Kahlos wie etwa Krücken, Korsett und Gehhilfen. Die wie verstümmelt aussehenden Füße am anderen Ende der Badewanne können nur die der darin liegenden Fotografin sein. Auch eine große Schildkröte der Malerin in diesem Raum wurde zum fotografischen Sujet, das hier ungeachtet ihrer Abneigung gegen jede Kategorisierung noch deutlicher als alle anderen auf die surrealistische Tradition, in der die Fotokunst Iturbides steht.
Ihre Bilder öffnen unsere Augen für tiefere Einblicke: Sie verwundern, verwirren so sehr wie jene Verse des Isidore Ducasse, der von der Schönheit erzählt hat, welche »die Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Operationstisch« evozieren könnte. Der Kunsthistoriker Werner Spies hat einmal geschrieben, der surrealistischen Fotografie sei es darum gegangen, »den Spalt zwischen Vorstellung und Abbild als klaffende Wunde offenzuhalten«. In dieser Tradition, in der Tradition von Man Ray oder Brassaï stehen auch viele dieser beeindruckenden Bilder.

Marc Peschke (Foto: Graciela Iturbide Colecciones Fundacion MAPFRE 2019)
Bis 30. Juni: Di.–So. 11–18 Uhr, Mi bis 20 Uhr.
www.fffrankfurt.org

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