English Theatre richtet mit »Sweeney Todd« ein Blutbad an

Mit einem letzten berstenden Knall schlägt die Pendeltür im Pie-Shop der Mrs. Lovett zu. Scheinwerfer aus. Black – und wie ein Vulkan entlädt sich der aufgestaute, längst überfällige Jubel des Publikums. Standíng Ovations, damit das schon mal klar ist, sind nach der knapp dreistündigen Aufführung (inklusive Pause) von »Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street« im English Theatre keine Überraschung, zumal die fast ununterbrochene und nicht eben unkomplizierte Musik von Stephen Sondheim vorher kaum eine Gelegenheit zum Beifall gibt. Geschweige denn zum Luftholen, zwischen all dem Morden und Meucheln.
In der Tat ist dieses großartige Werk nichts für die leichte Musicalschulter und wird selten genug in Deutschland gespielt. Wenn, dann in Opernhäusern mit großem Orchester – zuletzt im Frühjahr in Kiel. Mit einem Gesangsanteil von über 80 Prozent läuft »Sweeney Tod« ohnehin auf eine Operette hinaus und kommt, weil die Musik viel zu anspruchsvoll dafür ist, ohne jegliches Hitgeträller aus.
Im English Theatre aber sorgen unter musikalischer Leitung von Mal Hall die Schlagwerker Thomas Elsner, Sebastian Michaeli und der Pianist Christoph Wohlleben für einen perfekten Sound, immer mal wieder an die britische Moritatentradition gelehnt. Wenn des Chronisten inneres Ohr auch Tage nach der Vorführung noch immer von »I feel you, Johanna« gekapert wird, dann zeugt das von einer gewissen Nachhaltigkeit.
Das Stück erzählt, wie der nach 15-jähriger Verbannung aus einem Übersee-Straflager heimkehrende Friseur Benjamin Barker unter der neuen Identität des Sweeney Todd Rache nimmt für erlittenes Unrecht. Sein Richter, Turpin heißt er, hatte es auf seine Frau Lucy abgesehen, die sich, wie er nun erfahren muss, inzwischen vergiftet hat. Als Todd hört, dass dieser Turpin seine Tochter Johanna noch immer in Gewahrsam hält und nun gar zur Frau nehmen will, entschließt er sich, sein Rasiermesser sprechen zu lassen und geht damit schon bald der gesamten korrupten Londoner Society an die Kehle. Für die schwarzhumorige britische Note des in viktorianischen Gruselstorys entdeckten Plots, sorgt die Geschäftsidee von Todds Vermieterin Mrs. Lovett für ihr Pasteten-Lädchen. Ehedem für die »worst pies« der Stadt bekannt, wartet sie zum Entzücken der Londoner (und zum Glück ihrer Katzen) nun mit neuen Geschmacksnoten auf. Dass bei solch plötzlichem Bedarf das Mittel zum Zweck wird, verwundert ebenso wenig wie die zeitgemäße Mechanisierung des Vorgangs. Todds Rasierstuhl entlädt sich seiner Fracht in den Stoß- und Schlitzzeiten auf Knopfdruck, nur rippen muss der Meister noch selbst.
Mit Blut wird folglich nicht gespart unter der Regie von Derek Anderson auf Rachel Stones zweistöckiger Bühne, in deren unteren Hälfte die Wände so schlachthaus- wie backstubenhaft grün-weiß gekachelt sind. Um die Zuschauer vor den hoch aufschießenden roten Fontänen zu schützen, erhalten die ersten drei Reihen und die eigens eingerichteten Blood-Seats auf der seitlichen Bühne Plastik-Capes. Nichts für schwache Nerven, aber alles für das feine Gehör. Dreizehn Köpfe zählt das schon mit der choralen Opening Ballad auftrumpfende stimmgewaltige Ensemble. Scharf wie sein Mordgerät, aber auch hochsensibel: Stephen John Davis’ an der National Opera London erprobter Bariton. Nennen wir noch Matt Batemanns Pirelli, Aliza Vakils in Kate-Bush-Höhe erklingender Sopran für Johanna und last, but by far not least Sarah Ingrams stonewashed, aber auch herzig präsentierte Mrs. Lovett, rührend (und noch liebeträumend) im »Little-Priest«-Duett mit dem sichtlich zu jung für sie geratenen Todd. Große Musik und verdammt gutes Theater.

Winnie Geipert (Foto: © C. Kaufhold)
Bis 9. Februar: Di. bis Sa., 19.30 Uhr; So., 18 Uhr
www.english-theatre.de

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