Ein Mythos: Salome in der Oper Frankfurt

Der Evangelist Markus schildert im 6. Kapitel ziemlich drastisch die Hinrichtung Johannes des Täufers anläßlich eines Geburtstagsfestes für König Herodes. Dieser hatte »seinem Bruder Philippus die Frau, Herodias, weggenommen und sie geheiratet. Johannes hatte ihm daraufhin vorgehalten: es war dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu heiraten. Herodias war wütend auf Johannes und wollte ihn töten (…)«. Beim Fest für Herodes und seiner Beamten trat »die Tochter von Herodias als Tänzerin auf. Das gefiel allen so gut, dass der König zu dem Mädchen sagte: wünsche dir, was du willst; du wirst es bekommen. Er schwor sogar: ich werde dir alles geben, was du willst, und wenn es mein halbes Königreich wäre!«. Die rachsüchtige Mutter Herodias empfahl der Tochter, sich den Kopf des Johannes auf einem Teller bringen zu lassen. Vater Herodes hielt sich eher schweren Herzens an sein Versprechen und ließ Johannes enthaupten. Die bis dahin namenlose und, wie es heißt, schönste Tochter des Orients taucht erst später in einer Mönchsschrift als Salome auf und beschäftigt seither Literaten, Maler und Musiker als Inbegriff der Femme fatale. Neben Richard Strauss haben sich auch Alexander Glasunow (mit einer Schauspielmusik zu Oscar Wildes Drama) und weit früher Jules Massenet in seiner »Hérodiade« (auf ein Werk von Gustave Flaubert) mit dieser Dame beschäftigt. Oscar Wilde ließ sich ebenso von Flaubert wie dem Maler Gustave Moreau und dessen Serie »wollüstiger« Bilder von Salome inspirieren zu einem schwülen Drama um moralische und menschliche Abgründe. Richard Strauss wiederum war so fasziniert von der bildhaften Sprache Wildes – der aus der legendenhaften Neben- eine leidenschaftliche Hauptperson machte – und schuf aus der Vorlage einen geradezu musikalisch-psychologischen Einakter. Strauss hat, so darf man sagen, nach seinen sinfonischen Dichtungen der früheren Jahre, einen kompositorischen Zenit erklommen, der kaum mehr zu überbieten war (auch nicht mehr in der folgenden »Elektra« oder gar im geschmäcklerischen »Rosenkavalier«). Er arbeitet leitmotivisch, entwickelt geradezu orgiastische Klangfarben (Tanz der sieben Schleier), verlässt gelegentlich die Tonalität und ist dabei keineswegs der Voyeur mit Blick auf eine Wahnsinnige, sondern eher der psychologische Sucher nach den Ursachen eines Mythos.
Gute eineinhalb Stunden großes Musiktheater sind zu erwarten, wenn sich der gefeierte Regisseur Barrie Kosky und die junge, hochbegabte Dirigentin Joana Mallwitz in die Welt des rauschhaften Psychodramas stürzen. Mit der kanadischen Sopranistin (und Ensemblemitglied der Oper Frankfurt) Ambur Braid als Salome, Christopher Maltman als Johannes (hier Jochanaan) und Claudia Mahnke als Herodias.

Bernd Havenstein
Foto: Ambur Braid (Salome), © Monika Rittershaus
Termine:
5., 8., 13., 20., 26., 29. März
Oper Frankfurt
Tel.: 069/212-49494
www.oper-frankfurt.de

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