Ein Freund ist das schönste Geschenk an sich selbst – William Boyle: Eine wahre Freundin

»Gentle« Vic Ruggiero war ein attraktiver Kerl. Und beliebt. Im Supermarkt hat man neben der Fischtheke ein Foto aufgehängt, das ihn zusammen mit Martin Scorsese, Robert De Niro und anderer Filmprominenz zeigt. Wahrscheinlich wurde im Viertel ein Mafiafilm gedreht. Vic allerdings war ein wirklicher Gangster. Nun ist er schon neun Jahre tot, erschossen von einem Kleinkriminellen. Seine Witwe Rena kommt so gerade über die Runden. Kurz nach Vics Ableben hat sie ein bisschen Geld von den lokalen Mafiosi, für die er tätig war, bekommen. Doch das war alles an Unterstützung. Rena ist allein, ihre Tochter Adrienne will nichts von ihr wissen und ihre Enkelin Lucia bekommt sie nicht zu Gesicht. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sich die 60-Jährige den Annäherungsversuchen ihres Nachbarn Enzio ergibt. Als der lüsterne Greis ihr an die Wäsche will, schlägt sie ihm mit einem schweren Aschenbecher auf den Kopf. Und da sie ihn für tot hält, flieht sie kopflos in seinem penibel gepflegten 62er Chevy Impala.
So beginnt William Boyles furioser Roman »Eine wahre Freundin«, den der Autor selbst treffend als »Screwball Noir« charakterisiert. Denn wie in einer der legendären, für ihre abgedrehten Plots berühmten Filmkomödien der dreißiger und vierziger Jahre setzt Renas vermeintlicher Totschlag eine Folge irrwitziger Ereignisse in Gang, die den Figuren allerhand abverlangen. Da sie nicht weiß, wohin sie fliehen soll, steuert Rena den wertvollen Oldtimer in die Bronx, wo Adrienne wohnt. Doch diese schlägt ihrer Mutter die Tür vor der Nase zu. Glücklicherweise findet sie Aufnahme bei einer Nachbarin. Die heißt Lacey Wolfstein, war in einem früheren Leben als Luscious Lacey bekannt und hat, als ihre Karriere beim Pornofilm zu Ende war, ihren Lebensunterhalt damit bestritten, wohlhabenden älteren Männern größere Summen abzuluchsen. Wolfstein ist es gewohnt, für sich selbst zu sorgen, und gerade deshalb eine ideale Partnerin für Rena, deren Leben als Hausfrau und Mutter bislang, der dubiosen Berufstätigkeit ihres Gatten zum Trotz, eher unspektakulär verlaufen ist. Warum sich die beiden nun gemeinsam mit Enkelin Lucia und einem prall gefüllten Geldkoffer in einem 1982er Cadillac Eldorado, auch schon ein Classic Car, auf den Weg ins Städtchen Monroe machen, wo Wolfsteins Freundin Mo wohnt, muss man selbst nachlesen, zumal sich dieser Roman nicht auf seinen aktionsgeladenen Plot reduzieren lässt. William Boyle erzählt abwechselnd aus der Perspektive seiner Figuren und kontrastiert so die äußere Handlung immer wieder mit Einblicken in deren Psyche. Während Rena ihr Leben und vor allem ihre Ehe mit Vic reflektiert, probiert Lucia aus, was alles geht, herbe Enttäuschungen inbegriffen. Angst muss man nicht um sie haben, die 15-Jährige ist überaus taff. Mo und Wolfstein andererseits haben sich offenbar nie Illusionen über das Leben gemacht. Und die Männer? Um die geht es nur am Rande. Wirklich zu gebrauchen ist nur einer von ihnen, der Taxifahrer Dennis, mit dem sie sicher zurück nach Brooklyn kommen. Er darf auch mit am Tisch sitzen, als Rena üppig auftischt. Das Foto von Vic, Scorsese und den anderen wird auf der Arbeitsplatte abgestellt. Rena hat es beim Einkauf im Supermarkt mitgehen lassen als Erinnerung an eine andere Zeit. Immer habe sie nur geklagt, heißt es gegen Ende des Buches »wie schnell etwas vorbeigeht, aber vielleicht könnte sie ja mal über die Möglichkeit eines Anfangs nachdenken«. Die Chancen dafür, so suggeriert der leicht kitschige Schlusssatz, stehen gut, denn »auf einmal hört man in Renas traurigem alten Haus wieder die Musik des Lebens«.

Joachim Feldmann (Foto: © Katie Farrell Boyle)

William Boyle: Eine wahre Freundin
A Friend Is a Gift You Give Yourself, 2019). Kriminalroman. Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf. Polar Verlag, Stuttgart 2020, 368 S., 22 €.

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