Ein bewegtes Leben: Ulla Lenzes fünfter Roman »Der Empfänger«

Es gibt einen Briefwechsel zwischen dem Vater ihrer Mutter, ihrem Großvater also, und dessen Bruder, der 1924/25 in die USA ausgewandert war. Eine Familiengeschichte also. Aus diesem Kern entwickelt Ulla Lenze einen zeitgeschichtlichen Roman, der ein eher unbekanntes Kapitel der deutsch-amerikanischen Beziehungen beschreibt. Nazis in Amerika, Fremde in der neuen Heimat.

Der Roman über Ulla Lenzes Großonkel Josef Klein beginnt im Mai 1953 in Costa Rica und endet dort auch einen Monat später. Dazwischen beschreibt sie, mit vielen Rückblenden, seine Lebensgeschichte. 1949, aus dem Gefängnis entlassen, besucht Klein seinen Bruder Carl in Neuss in Deutschland. Sie haben sich 25 Jahre nicht gesehen, sind grundverschieden und mögen sich eigentlich nicht besonders, doch beide haben das Bedürfnis »nach Austausch«. Sie schreiben sich viele Briefe und trotzdem weiß Carl fast nichts von Josefs Leben.
In New York lernt Josef den Druckereibesitzer Arthur kennen. Sie werden Freunde und bauen zusammen ein Funkgerät. Josef ist fasziniert davon, sich die Stimmen aus aller Welt in seine Wohnung zu holen. »Früher Morgen in Südafrika, in Mexiko ein Sturm, in Helsinki tote Fische am Ufer.« Arthurs Freunde erkennen Josefs Talent und bald schon morst er militärische Informationen an die Deutschen. Er wird sehr gut bezahlt und doch will er lieber schnell wieder aussteigen: »Er hatte seine Fähigkeiten als Funker unter Beweis stellen wollen und darüber alles Ungereimte beiseitegeschoben«. Dafür ist es aber zu spät, die ›Freunde‹ haben ihn an der Angel. »Reiß dich zusammen du Trottel, du Hanswurst, du Knirps.« Er gehört jetzt zu einem Spionagering, zu den Naziagenten, die Industrieanlagen, Brücken, Gleise sprengen sollen. 1941 schon wird Klein verhaftet, sitzt bis 1945 im Gefängnis, dann bis 1949 im Internierungslager Ellis Island. Er verlässt Amerika, fährt zu seinem Bruder nach Neuss und wird dort vier Monate bleiben. Ausgangspunkt dieses Romans ist die reale Person Josef Klein, einem Großonkel von Ulla Lenze. Sie hat sehr intensiv das Leben dieses Menschen erforscht, trotzdem ist die reale und fiktive Person nicht ein und dieselbe. Lenze versucht, diesem Josef »eine historisch genaue und doch literarische Gestalt zu geben«. Josef Klein ist eine fast tragische Figur. Nirgends fühlt er sich zu Hause. Als er in Neuss endlich die Ausreisepapiere nach Buenos Aires bekommt, macht er sich auf einen beschwerlichen Weg. Er trampt und läuft zu Fuß durch Belgien, kommt nach Le Havre, dann mit dem Schiff nach Casablanca. Endlich in Argentinien, teilt er sich »ein Mauseloch mit zwei Argentiniern, die die Güte haben, ihn auf dem Boden schlafen« zu lassen. Dort gibt man ihm, »dem entflohenen Nazi« gerne Unterschlupf. Die »deutsche Gemeinschaft« ist »sehr geachtet« und hält »bombenfest zusammen«. Doch er möchte zurück nach Amerika, seinem Sehnsuchtsland. Auf dem Weg in die USA strandet er in San José, Costa Rica. Er bekommt dort einen guten Job als Landvermesser. »Leute wie ihn nehmen sie mit Kusshand.«
Aber das Land und die Leute bleiben ihm fremd. Josef Klein ist nirgendswo heimisch geworden. Es hat ihn in viele Länder verschlagen, aus Josef wird Joe, dann José. Sein Ziel ist immer Amerika geblieben. Doch jetzt ist er langsam müde geworden. Er sagt sich: Hier ist es doch richtig schön. Das heißt: »vielleicht bleibt er hier«.
Ulla Lenze hat einen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte in die Geschichte des 20. Jahrhunderts zurückgeholt. In präziser Sprache, klar, schnörkellos, ohne Pathos und doch berührend, erzählt sie die Tragik eines Schicksals, das ebenso gewöhnlich scheint, wie es ungewöhnlich ist.

Sigrid Lüdke-Haertel (Foto: © Julien Menand)

Ulla Lenze: »Der Empfänger«
Roman, Klett-Cotta, Stuttgart 2020, 302 S., 22 €

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