»Die Wache« von Eva Wolf

In Münster ist die Welt noch in Ordnung. Zu dieser Meinung muss man jedenfalls kommen, wenn man den Dokumentarfilm über die Geschehnisse rund um die Polizeiwache Friesenring in der westfälischen Stadt gesehen hat. Filmemacherin Eva Wolf zeichnet in ihrer nach diversen Absagen vom nordrhein-westfälischen Innenminister schließlich genehmigten und von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie der Film- und Medien-Stiftung NRW geförderten Dokumentation ein versöhnliches Bild.

Vermutlich war es auch nicht ganz einfach, Polizeibeamte zu finden, die es hinnahmen, bei ihrer Arbeit gefilmt zu werden. Dementsprechend vorsichtig ist das Werk angelegt. Mit buchhalterischer Gewissenhaftigkeit widmet sich die Filmemacherin dem Dienstalltag einer Handvoll von Polizisten und Polizistinnen. Von dem Streifenwagen, den sie zum Hauptschauplatz ihres Films erkoren hat, sehen wir zu Beginn sogar eine Skizze mit Sitzverteilung und Kamerapositionen. Alles wird ganz korrekt angegeben, und im Einsatz, wenn es spannend werden könnte, verweilt die Kamera bei friedlich parkenden Autos und passantenfreien Straßenausschnitten, um (mutmaßliche) Delinquenten ja nicht ins Bild zu bekommen.
Die Polizeiwache ist so gefilmt, dass man nie einen Verhafteten erkennen kann. Das Gleiche gilt selbstverständlich auch für den Zellentrakt. »Die Wache« ist von den TV-Dokumentationen über die Autobahnpolizei oder über Polizeieinsätze in Problemvierteln so weit entfernt wie ein Gemeindebrief von der Bild-Zeitung.
Der Film konzentriere sich auf die Polizeiarbeit jenseits von Extremfällen, heißt es im Pressetext des Verleihs. Mit den Extremfällen sind Übergriffe der Polizei gemeint, in denen einzelne Beamte die Grenzen des Rechtsstaates überschreiten. Hier bekommen Polizisten die Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge mitzuteilen. Ihre Aussagen ähneln denen der Delinquenten, die sie befragen. Nur keine Fehler machen, nichts Falsches sagen. Sie müssten manch einem halt die Grenzen zeigen. Und sie müssten auch genehmigte, »rechte« Veranstaltungen schützen, die sie selbst nicht befürworten. An sich eine Selbstverständlichkeit, die ihnen aber schnell ein rechtes Image verschafft.
Das ist im ganzen Film die einzige Stelle, in der von Differenzen zwischen Polizei und Bevölkerung die Rede ist. Dabei wäre gerade dies ein Thema gewesen, sieht sich doch die Polizei hierzulande auch Angriffen ausgesetzt. Gerade in Nordrhein-Westfalen gibt es genügend Problemzonen, in denen sich Polizisten nur ungern sehen lassen. Dort ist die Polizei längst nicht mehr dein Freund und Helfer.
Für die Situation in Frankreich und dort vor allem in den Banlieues sei auf »Im Kopf eines Bullen« von François Chilowicz hingewiesen, in der arte-Mediathek kostenfrei verfügbar. Wenn man diesen Dokumentarfilm gesehen hat, in dem Polizisten von gefährlichen Situationen bei ihren Einsätzen berichten, beurteilt man die derzeitigen Auseinandersetzungen um die französischen Gesetzesvorlagen zum Schutz von Polizeibeamten etwas differenzierter.
Doch zurück nach Münster. Eva Wolfs »Die Wache« ist eine brave Doku über den Polizeialltag, bei der man das Gefühl nicht loswird, dass politisch unangenehme Wahrheiten ausgespart wurden.

Claus Wecker

 

DIE WACHE
von Eva Wolf, D 2020, 90 Min.
Dokumentarfilm

Ab 25. Februar 2021 bei Kino on Demand (www.kino-on-demand.com) und sobald möglich im Kino.

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