Die Dramatische Bühne zeigt Oscar Wildes »Das Bildnis des Dorian Gray«

In lose herabhängenden Hemdfetzen gekleidet, mit strähnigem Haar, entkräftet und wehrlos dem sadistischen Sarkasmus seiner Wächter ausgesetzt: So begegnen wir Oscar Wilde; dem Autor des Romans »Das Bildnis des Dorian Gray« zuerst im Gefängnis. Verurteilt im Zenit seiner Karriere wegen »Unzucht« zu zwei Jahren Zwangsarbeit, die ihn physisch und psychisch so ruinierten, dass er nur wenig später 46-jährig im französischen Exil verarmt verstarb. Ein paar Zeilen aus dem während der Haft verfassten berühmten offenen Brief des Dichters an seinen jungen Geliebten »Bosie«, Lord Alfred Douglas, eröffnen das neue Stück der Dramatischen Bühne, die uns im Rückblick auf den brachialen Absturz Wildes auch dessen wohl wichtigstes Werk neu betrachten lässt.
Thorsten Morawietz, Regisseur und Text-Komponist der Bockenheimer Bühne, verschränkt dafür einmal mehr ein Werk mit der Vita seines Autors. Wildes konventionsbedingt primär ästhetische Abhandlung über die Schönheit in »Das Bildnis des Dorian Gray« wird in der Exzesshalle zu einer hedonistischen Feier der homosexuellen Liebe und zum Angriff auf die restriktive Sexualmoral nicht nur seines Zeitalters und seiner Heimat.
Ein bisschen Aufmerksamkeit braucht es schon, um sich auf die unterschiedlichen Zeit- und Handlungsebenen nebst ihren Figuren einzulassen. Erzählt wird in diesem Rückblick auf die verhängnisvolle Liebe Wildes auch deren Spiegelung in seinem Roman. Initial zu diesem war ein Gedanke, den Wilde im Atelier seines malenden Freundes Basil Ward bei dem Betrachten seines eigenen Porträts entwickelt haben will. Was würde er dafür geben, räsonierte der eitle Poet und Narziss, wenn statt seiner das Bild alterte, und er in Jugend und Schönheit erhalten bliebe!
Im Buch legt Wilde die Idee dem jungen Schönling Dorian Gray in den Mund und lässt ihn einen teuflischen Pakt mit dem ihm ergebenen Maler Basil Hallward schließen. Zu Wildes literarischem Alter Ego aber wird des Malers Freund Lord Henry, der sich prompt in den Adonis verliebt. Und während sich im Bühnenrückblick die junge Constance als seine – der Konvention geschuldete – Gattin und der knabenhafte Bosie als Lover verhängnisvoll in das Leben des Autors mischen, ist es im Roman die Figur des zu ewiger Jugend verdammten Dorian Gray, die Episode um Episode in den sündigen Untergang treibt. Vom Parvenü zur Paria der eine, vom Beau zum Kretin der andere.
Christoph Maasch ist für die Doppelrolle des Oscar Wilde und Lord Henry eine Idealbesetzung. Bestechend authentisch sein Spiel des Dandys, groß(spurig) auch in der Sprache, weiß er das Best-of aus der prallen Bonmot-Schatztruhe des britischen Dichters mit so spitzer Zunge zu streuen, dass man Wildes doch durchaus dubiose Positionen zu Genderfragen zu tolerieren geneigt ist.
Wesentlich unterstützt wird das überzeugende Spiel Maaschs freilich auch von dem wahrlich wohl zu schauenden Thomas Zimmer, der als Dorian/Bosie ein bravouröses Debüt für die Dramatische Bühne absolviert. Thorsten Morawietz und Simone Greiß stehen ihre diversen Rollen gewohnt souverän. Dass mit Marlene Zimmers komödiantischem Talent in der Rolle der beklagenswerten Wilde-Gattin Constance auch das Publikum durch den tiefen Griff in die Kentucky-schreit-Ficken-Kiste unter Wert gehandelt wird, scheint indes balancierendes Kalkül des Regisseurs zu sein, wird doch quasi als ernüchternder Gegenpol die Liebe in seltener Ernsthaftigkeit thematisiert.
»In dubio pro Torero«, meint Marlene Zimmers reizende Constance darum völlig zu Recht. Wir ziehen den Hut, rufen Chapeau und gratulieren!

Winnie Geipert (Foto: © Uwe Dettmar)
Termine:  15., 16., 22., 23., 28., 29. Februar, 1. März, Fr.+ Sa., 20 Uhr, So., 19 Uhr
www.diedramatischebuehne.de

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