Die Black Dahlia – Diesmal aus Mainz

literatur_Henriette-Clara-Herborn_PortraetKann das gut gehen? Mainz-Bretzenheim, Wiesbaden-Biebrich und das Rotlichtmilieu von Mainz als Orte, an denen einer der größten Mordfälle der Kriminalgeschichte seine Wiederaufführung, respektive Nachahmung findet? An nichts Geringeres als an den schaurigen Tod von Elizabeth Short im Los Angeles von 1947 wagt sich da eine junge Autorin  – wenn man das über eine 36-Jährige sagen darf. »Die Schwarze Dahlie«, die einen Schriftsteller wie James Ellroy schon sein Leben lang verfolgt, hat es Henriette Clara Herborn derart angetan, dass sie der Ermordeten gar ihr Buch widmet.
Da zeigt jemand also ganz gut Muckis. In der Tat musste ich einige Male schlucken, wie gleichzeitig respektlos und gekonnt Miss Herborn mit ganzen Legionen von Genremustern spielt und wirbelt. Die Anforderungen an schräges Personal werden mehr als erfüllt. Klar erkennbar, dass die Autorin sich das nicht nur alles am Schreibtisch ausgedacht hat, in diesem prallen Buch steckt viel Vor-Ort-Recherche. Besonders liebevoll, vorurteilsfrei und schnoddrig-lässig wird das Nutten-, Drogen-, Club-, SM- und Nachtmileu der Landeshauptstadt Mainz gezeichnet, ganz so, als wäre hier eine alternative Stadtschreiberin in Lohn und Brot. Alle Achtung.
Da gibt es zum Beispiel die Tabledance-Bar »Tor zur Hölle« am Bahnhof (bei meiner Online-Recherche verweigerte mein Browser den Zugriff auf eine Mainzer »Bar zur Hölle«, es würden da Trojaner lauern). Da ist der »Boom Boom Club« im obersten Stockwerk des Stadttheaters eine angesagte Location, da tritt Jan Blomqvist im Club »Tunnel« auf, da gibt es Kneipenpersonal wie Howie die Ratte oder Castro, der seinem kubanischen Namensvetter überhaupt nicht ähnlich sieht, aber extrem viel Cuba Libre saufen kann. Die Lieblingsband von Mira Cajou, einer der Hauptpersonen, eine 19-jährige Königin der Nacht, ist »Die Antwoord«, eine Rap-Rave-Band aus Kapstadt. In den Pfützen der Domstadt Mainz spiegelt sich die Welt, Henrietta Clara Herborn lässt hier viele Scherben glitzern. Ortskundige kommen in ihrem Roman »Schmerz« gewiss noch mehr als schon die »normalen« Leser, nämlich extrem gut auf ihre Kosten, so spielt etwa die Alte Ziegelei in Mainz-Bretzenheim  eine wichtige Rolle.
Nicht zu kurz kommen Schauriges aus der Universitätsmedizin sowie Authentisches aus der Drogen- und Bordellszene. Manchmal wird es ausgesprochen erotisch. Hier schreibt eine unverklemmte Autorin mit einem Herz für schräge Vögel und schräge Karrieren, etwa die von Fat Freddy, der aus einer jüdischen Lübecker Gelehrtenfamilie stammt.
Die Handlung spielt zwischen dem 15. und 27. Januar 2017, also in der Zukunft. Das erlaubt erzählerische Freiheiten und manch bösen Seitenhieb auf Stadtentwicklung und Einkaufscenter-Wahn. Mainz bleibt aber erkennbar Mainz. Dieser Regionalkrimi ist geerdet. Nächtlicher Herumballern mit Schusswaffen auf der Platte inklusive. (Hä? Ist ein Ort im Wald, oben im Taunus.)
Kriminalhauptkommissar Ernst-August Malminger ist eine etwas tragische Figur. Die Autorin hat ihn mit einem lächerlichen Geltungsdrang ausgestattet, als Fachkraft in Sachen »Schwarze Dahlie« wurde ihm 2007 den »True Crime Award« verliehen. Er träumt von noch mehr Ruhm und Zahnsanierung (muss ich da an Willefords Hoke Mosley denken?), einem Personal-Trainer, jungen Thailänderinnen und vielleicht sogar einer Haartransplantation. Der Copycat-Fall ist wie auf ihn zugeschnitten – »als Nächstes würde ihm der Täter die Handtasche des Opfers schicken« – und kommt ihm näher, als ihm lieb ist. In seinem Schatten ermittelt die Halbjapanerin Namiko, die sich als Kriegerin sieht, tätowierte Brüste hat, zur Informationsgewinnung auch mit dem Feind fickt und ihre rote Ducati Diavel gern auf 240 km/h peitscht.
Da wären wir beim Tempo. Das könnte in diesem auch optisch randvoll gefüllten Buch zwischendurch schneller sein, daran gilt es in künftigen Romanen aus diesem wunderbaren Mainzer Milieu etwas mehr zu feilen. Das Ende ist auf Fortsetzung angelegt. Und das ist gut so.

Alf Mayer
Henriette Clara Herborn: Schmerz. Malmingers letzter Fall.
Ingelheim: Leinpfad Verlag, 2014. 356 Seiten, 14,90 €. E-Book: 11,99 €

One Response

  1. Beatrix Petrikowski
    2. März 2015

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