Der Roman von Marina Frenk »ewig her und gar nicht wahr«

Im Alter von fast sieben Jahren, 1993, kam Marina Frenk aus Moldawien nach Deutschland. Sie wurde Schauspielerin, spielte unter anderem in Köln, Bochum, am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, bekam 2016 (zusammen mit Sibylle Berg) unseren bedeutendsten Hörspielpreis, den der »Kriegsblinden« und präsentiert jetzt ihren ersten Roman, der auf ihre autobiographischen Erfahrungen zurückgreift. Der Titel – »ewig her und gar nicht wahr« – dementiert, was der Roman erzählt und besteht damit auf der Wahrheit der Fiktion.

Kira, Mitte dreißig, lebt in Berlin. Sie wäre gerne eine große Malerin geworden, verdient aber Geld, indem sie Kindern Malunterricht gibt. Mit Marc, einem Journalisten, hat sie einen Sohn, der am Ende des Buches sechs Jahre alt sein wird.
Anfang der neunziger Jahre war Kira, wie die Autorin, mit ihren Eltern aus Moldawien nach Deutschland gekommen. Sie werden schnell Deutsch lernen, denn »Deutsch macht Sinn«. Die Oma lassen sie in Moldawien zurück.
Kira hat schon als junge Schülerin Pläne: sie will die Schule schmeißen und Malerei studieren. Ihr Vater weiß, was dann passieren muss. Sie wird »obdachlos und schwanger« werden.
Doch ein kleiner Erfolg stellt sich ein. Eine Galeristin nimmt sie unter Vertrag. Bald aber schwindet deren Vertrauen, als sie »merkte, dass der Duft des Gelingens, der anfangs von mir ausging, sich aus meinen Kleidern und meiner Haut verflüchtigt hatte«.
Marina Frenk erzählt Kiras Geschichte nicht linear, sondern wechselt ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und ebenso zwischen Traum und Wirklichkeit. Es ist nicht immer leicht, da die Übersicht zu behalten.
Zur besseren Orientierung sind die eher kurzen Kapitel überschrieben mit Angaben zu Ort und Zeit: »Berlin, Deutschland, jetzt« oder »Chisina, Moldawien, 1993« oder »Köln, Deutschland, 2007«.
Kira fühlt sich entwurzelt, nirgends wirklich zu Hause. Sie geht nach New York, um zu sehen, ob sie auswandern will. Sie lebt dort bei Verwandten und weiß doch bald, »es ist hier nichts zu suchen und nichts zu finden«.
Wieder in Berlin, lernt sie Marc kennen und bekommt ein Kind. Aber auch diese Liebe verflüchtigt sich schnell. Sie erlebt nun den Mann als »schweigendes Loch«, er spricht nicht mehr mit ihr. »Die Zartheit seiner Finger verwandelte sich mit der Zeit in Unbeweglichkeit aus dickflüssigem Gel, umschlossen von einer dicken Haut, die nichts mehr durchlässt.«
Trotzdem peinigt sie die Angst, er würde sie betrügen. In ihren Alpträumen stellt sie sich diese Frau vor. Um sich selbst zu spüren, drückt sie Zigaretten auf ihrem Oberschenkel aus. Ihre Alpträume versucht sie in gemalte Bilder umzusetzen, die sie dann auf dem Dachboden stapelt.
Kira trägt schwer an diesem Leben. Nur gelegentlich sorgt eine gewisse Nele, mit Mann und Kind und ihrem fröhlichen Unsinn, für kleine Lichtblicke. Aber die Hypothek der Vergangenheit wird sie nicht los. Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung und das Gefühl, nirgendwo zu Hause zu sein. »Ein Waggon voller Familie fährt in eine unbekannte Bestimmung.« Um dieses Schicksal zu beschreiben hat Marina Frenk eine eindringliche, bildreiche Sprache gefunden. So sitzen ihre nach Haifa ausgewanderten Großeltern als »zwei stumme Eulen aus Osteuropa auf einem Berg im Heiligen Land«.

Sigrid Lüdke-Haertel
Marina Frenk: »ewig her und gar nicht wahr«.
Roman. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2020, 240 S., 22 €

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