»Der Glanz der Unsichtbaren« von Louis-Julien Petit

Alle wichtigen Papiere sind in Plastikumschlägen vor Regen geschützt. Das ist das erste, was man in Louis-Julien Petits Tragikomödie »Der Glanz der Unsichtbaren« über Wohnsitzlose erfährt. Denn in L’Envol, einer Tagesstätte für obdachlose Frauen im nördlichen Frankreich, sind zum morgendlichen Einlass nur umhüllte Dokumente zu sehen.

Frauen am Rande der Gesellschaft, Wohnsitzlose, die vom etablierten Bürgertum gern übersehen werden und die Sozialarbeiterinnen, die ihnen engagiert helfen und dabei selbst an ihre Grenzen kommen – das soll ein Filmthema sein? In Frankreich, dem Land mit den aufgeschlossensten und zahlreichsten Kinobesuchern, war »Les invisibles« – so der Originaltitel – ein überraschender Publikumserfolg. Der deutsche Verleih hat die »Unsichtbaren«, wohl auch, um Assoziationen zum Science-Fiction-Genre zu vermeiden, nun bereits im Titel mit einem Glanz versehen, zu dem ihnen der Film im Verlauf verhilft.
Dieser Glanz äußert sich nicht nur in dem Namen, die sich die Frauen gegeben haben: Lady Di, Edith Piaf, Salma Hayek oder Brigitte Macron. Der Film macht auch Persönlichkeiten aus ihnen.
Denn er zeigt sie mit all ihrer Widerspenstigkeit, unter der die Betreuerinnen und nicht zuletzt sie selbst leiden, zeigt sie mit ihren liebenswerten Seiten und ihrem Humor, den sie sich bewahrt haben. »Frauen, voller Widersprüche, die einen verzaubern und zur Verzweiflung bringen können: Filmheldinnen«, so charakterisiert sie Regisseur und Autor Petit. Er nutzt also den Effekt, dass wir andere zumeist umso sympathischer finden, je besser wir sie kennenlernen.
Natürlich braucht auch »Der Glanz der Unsichtbaren« einen dramatischen Kniff, um unser Interesse zu steigern. Nachdem die Protagonistinnen mit ihren alltäglichen Sorgen und Nöten vorstellt worden sind, erfahren wir, dass die Tagesstätte geschlossen werden soll, weil es sich die Frauen dort zu bequem gemacht hätten und zu wenige in Arbeitsverhältnisse vermittelt würden. Das neue, etliche Kilometer entfernte und streng geführte Übernachtungsheim soll für die Bedürftigen genügen.
Eine Herausforderung für die Chefin von L’Envol, Manu (Corinne Masiero), die immer versucht, Distanz zu wahren, und ihre Mitarbeiterin Audrey (Audrey Lamy), die manchmal ihre eigenen Bedürfnisse vergisst, sowie die Ehrenamtlichen Hélène (Noémie Lvovsky), die hin und wieder ins Fettnäpfchen tritt, und Angélique (Déborah Lukumuena), die selbst auf der Straße gelebt hat.
Sie beschleunigen ihre Bemühungen, so vielen Frauen wie möglich zu Jobs zu verhelfen. Chantal, die eindrucksvollste von ihnen, ist eine Expertin, wenn es ums Reparieren von allen möglichen technischen Geräten geht. Das hat sie im Gefängnis gelernt, was sie auch ganz offenherzig bei potentiellen Arbeitgebern erzählt. Und wenn sie richtig in Fahrt ist, erzählt sie sogar detailliert, warum sie im Gefängnis war: sie hatte ihren gewalttätigen Ehemann erschossen. Das Ergebnis kann man sich denken.
Doch das Schöne an diesem Film ist: er verallgemeinert nicht. Als Chantal schon einen Job zugesagt bekommen hat, ungefragt ihren Gefängnisaufenthalt gesteht und wir Zuschauer die Luft anhalten, weiß der Personalchef ihre Offenheit zu schätzen, und sie behält ihre vorläufige Anstellung.
Als ein wildes Zeltlager geräumt wird, dürfen die Frauen sogar in der Tagesstätte übernachten. Das erinnert an den kürzlich herausgekommenen Film »Ein ganz gewöhnlicher Held«, in dem es um ein von Obdachlosen erzwungenes Nachtasyl in der Stadtbibliothek im winterlich kalten Cincinnati ging. Aus der Sicht des Büchereipersonals geschildert, dominierte da der politische Fall. Für die Wohnsitzlosen blieben die Nebenrollen.
Jetzt stehen die ›Unsichtbaren‹ im Mittelpunkt, die von Laiendarstellerinnen , ehemaligen Obdachlosen, wie es heißt, verkörpert werden und deshalb ihren Rollen hohe Glaubwürdigkeit verleihen. Da folgt der Film einer Traditionslinie im französischen Kino.
Er habe die Sicht dieser starken Frauen – die Betreuerinnen sollten durchaus dazugezählt werden – einnehmen wollen, sagt Petit, und halte die Komödie dafür am besten geeignet. Sein Film entfernt sich ziemlich weit von der Sozialromantik eines Ken Loach. Er nimmt seine Heldinnen ernst und bleibt doch unterhaltsam, mal berührend, mal witzig. Kurz gesagt: »Der Glanz der Unsichtbaren« ist einzigartig im aktuellen Kinoprogramm.

Claus Wecker (Foto: Piffl Medien)
DER GLANZ DER UNSICHTBAREN
(Les invisibles)
von Louis-Julien Petit, F 2018, 102 Min.
mit Audrey Lamy, Corinne Masiero, Noémie Lvovsky, Déborah Lukumuena, Adolpha Van Meerhaeghe, Patricia Mouchon
Tragikomödie
Start: 10.10.2019

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