»Der Dolmetscher« von Martin Sulik

Die Vergangenheit lässt auch die nächste Generation nicht los. Dem 80-jährigen Ali Ungár (Jirí Menzel), der mit einer Pistole in der Tasche vor einer großbürgerlichen Wiener Altbauwohnung klingelt, öffnet nicht der Täter aus dem Zweiten Weltkrieg die Tür, sondern dessen Sohn Georg Graubner. Auch er ist jetzt ein alter Mann, und er will mit dem Sohn von denen die sein Vater auf dem Gewissen hat, nichts zu tun haben.

Wir erfahren erst am Ende, dass Graubner, der vom derzeit vielbeschäftigten Peter Simonischek gegeben wird, gute Gründe hat, dann doch den Kontakt zum zunächst abgewiesenen Slowaken Ungár zu suchen. Zunächst müssen wir einfach hinnehmen, dass sein Interesse für die Vergangenheit seines Vaters geweckt worden ist.
Ungár seinerseits hat in einem Buch gelesen, dass der Offizier Graubner für ein Massaker an slowakischen Juden verantwortlich war, bei dem seine Eltern umgebracht wurden. Eine späte Rache ist nicht mehr möglich, aber dem Sohn die Familiengeschichte näher zu bringen, erscheint ihm als eine Möglichkeit der Genugtuung. Wohl deshalb willigt er in den Vorschlag von Herrn Graubner ein, als üppig honorierter Dolmetscher mit ihm verschiedene Orte aufzusuchen, an denen der Vater als Wehrmachtsoffizier gewesen ist.
Ein eigenwillig-nachdenkliches Road-Movie von dem Slowaken Martin Sulík ist das Ergebnis. Peter Simonischek zieht alle Register als munterer Hedonist, der sich kein Vergnügen entgehen lässt. Unverdrossen versucht er, den distanzierten, oft abweisenden Ungár zu seinem Freund zu machen. Dabei wirkt er manchmal dreist, manchmal auch erstaunlich naiv, was ihm unsere Sympathien einbringt. Und zum Lachen bringt er uns allemal.
Der Tscheche Jirí Menzel ist als Regisseur von Filmen wie »Lerchen am Faden« (Goldener Bär auf der Berlinale 1990) und »Ich habe den englischen König bedient« bekannt geworden. Er verhält sich neben dem auftrumpfenden Simonischek mit Altersweisheit und nicht immer nur leichter Ironie. Wie es sich für ein Road-Movie gehört, wird im Verlauf Ungárs Abneigung schwächer. Auch der Eklat aus dem Regelbuch der Dramaturgie kann nicht verhindern, dass das Verständnis füreinander am Ende gewachsen ist – auch das ist den Genre-Gesetzen geschuldet.
Sehenswert ist Sulíks Film vor allem, weil er das dunkle Kapitel der Slowakei im Zweiten Weltkrieg auf sehr subtile Weise zu beleuchten versucht. Es stellt sich heraus, dass es Täter und Opfer eben auch unter den dortigen Landsleuten gab. Parallel dazu nimmt »Der Dolmetscher« den Weg über eine persönliche Annäherung von einem österreichischen Täter- zu einem slowakischen Opfer-Kind, die beide selbst schon alt geworden sind. Während in ihren Familien aus gegensätzlichen Gründen vieles verschwiegen wurde, haben sie jetzt noch die Chance, einander zu verstehen. Und dies besser als die slowakischen Zeitzeugen, die von ihnen befragt wurden.

Claus Wecker
DER DOLMETSCHER
von Martin Sulík, SK/CZ/A 2018, 113 Min.
mit Jirí Menzel, Peter Simonischek, Attila Mokos, Anna Rakovska, Eva Kramerová, Zuzana Mauréry
Tragikomödie
Start: 22.11.2018

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