»Das Vorspiel« von Ina Weisse

Nein, nicht was Sie denken. Das Vorspiel, um das es in diesem Film geht, findet in einer Musikhochschule statt. Eine Geigenlehrerin hat sich bei einer Aufnahmeprüfung in einen jungen Kandidaten verguckt, rein platonisch, versteht sich. Untergründig erotische Anziehungskraft ist dann doch mit dabei, wie bei Platon auch.

»Das Vorspiel« ist ein Film mit einer Frauenfigur im Zentrum, die geradezu maßgeschneidert ist für Nina Hoss. Die Violinistin Anna, die sie großartig verkörpert, hat den Sprung zur Konzertsolistin nicht geschafft. Jetzt arbeitet sie als Lehrerin an einer Musikhochschule. Dass sie bei der Aufnahmeprüfung wenige Reihen seitlich hinter dem Direktor im Auditorium sitzt, markiert bereits ihre Stellung: eine Außenseiterin, ambitioniert, meinungsstark und nicht immer einfach als Kollegin und Lehrerin.
Der scheue Kandidat Alexander (Ilja Monti) scheint Talent zu besitzen, findet sie. Auf Einwände, er sei zu verkrampft und seine Technik fehlerhaft, reagiert sie gereizt. Um das zu beheben, seien sie, die Lehrer, schließlich da.
Anna nimmt Alexander also unter ihre Fittiche, wie es so schön heißt. Es wird ein problematisches Verhältnis werden, denn beide stehen von Anfang an unter großem Druck. Die Lehrerin will beweisen, dass sie recht gehabt hat, dass Alexander das nötige Talent besitzt, und er hat unter diesen Umständen seine Schwierigkeiten, lockerer zu werden und seinem Instrument mehr als platte Töne zu entlocken.
Zudem baut sich eine Konkurrenz zu Anna Sohn Jonas (Serafin Mishiev) auf, der ein paar Jahr jünger als Alexander ist und bemerkt, dass die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu einem maßgeblichen Teil ihrem neuen Schüler gilt. Jonas wird von Annas Kollegin (Sophie Rois) im Geigenspiel unterrichtet, begeistert sich aber auch für Eishockey. Anna hätte es am liebsten, dass sich die beiden Jungen anfreunden, doch das misslingt gründlich.
Auch was die älteren Jahrgänge betrifft, steht Anna zwischen zwei Personen. Ihr Mann Philippe (Simon Abkarian), ein Franzose, arbeitet als Geigenbauer, und mit der gleichen Geduld, die er für seinen Beruf braucht, behandelt er auch seine Frau. Der andere Mann in ihrem Leben ist der Lehrerkollege und Cellist Christian (Jens Albinus), mit dem sie eine Affäre verbindet. Er überredet sie dazu, bei einem Kammerkonzert die zweite Violine in einem Streichquintett zu spielen.
Der Motor des Films ist aber die Vorbereitung auf das große Vorspielen der Musikschüler, bei dem Alexander sein Können beweisen soll. Nachdem Anna in ihrem eigenen Konzert ziemlich spektakulär gepatzt hat, treibt sie Alexander umso erbarmungsloser an, bis der sich zur Wehr setzt.
Regisseurin Ina Weisse, die hauptsächlich als Schauspielerin in TV-Produktionen auftritt, beweist auch bei ihrer zweiten Spielfilmregie (nach »Der Architekt«), dass sie widersprüchliche Charaktere behutsam zu inszenieren weiß. Musik gibt es in dem Film genug, aber die Dramatik wird durch den vorwärts treibenden Schnitt (von dem erfahrenen Cutter Hansjörg Weißbrich) erzeugt. Er ist einer der wenigen Männer im Cast dieses »Frauenfilms« (Co-Autorin ist erneut Daphne Charizani, Kamerafrau Judith Kaufmann), in dem mit viel Empathie gerade die Männerfiguren geschildert werden.
»Das Vorspiel« ist nicht nur ein Film für Liebhaber klassischer Musik, beeindruckend ist auch der analytisch klare Blick auf Beziehungen zwischen Menschen, die nach Perfektion streben. Selbst mit den besten Vorsätzen kommt es dabei zur Krise. Nicht nur wegen der wenigen französischen Dialoge, die hoffentlich untertitelt erhalten bleiben, glaubt man bisweilen, in einem französischen Film zu sein.

Claus Wecker
DAS VORSPIEL
von Ina Weisse, D 2019, 99 Min.
mit Nina Hoss, Ilja Monti, Simon Abkarian, Serafin Mishiev, Jens Albinus, Sophie Rois
Drama
Start: 23.01.2020

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