»Das Haus am Meer« von Robert Guédiguian

Es ist mehr als ein Motiv, es ist beinahe schon ein Genre des psychologisch-realistischen Kinos: Das Familienfest, bei dem alte Wunden und schöne Erinnerungen, die sprichwörtlichen Leichen im Keller und die verschütteten Emotionen zum Vorschein kommen. Zu den Topoi dieses Genres gehören der Anlass (bei den komödiantischeren Beispielen gern eine Hochzeit, bei den dramatischeren oft ein Todesfall), die »Aufstellung« der Beteiligten (man kommt, in aller Regel, nicht bloß geographisch von weit her, und von dort bringt man eine Menge Probleme mit) und nicht zuletzt der Ort, dem eine gewisse Magie innewohnt. Ein Haus am Meer, zum Beispiel.

Nun also: Der Vater ist schwer krank, und so versammeln sich die Kinder in dem Haus an der Mittelmeerküste, in dem sie aufgewachsen sind, Angèle, die Schauspielerin (Ariane Ascaride), Joseph, der engagierte Gewerkschaftsaktivist (Jean-Pierre Darroussin) und Armand, der das kleine Restaurant der Familie weiterführt (Gérard Meylan). Was soll nun werden, mit dem Haus, mit dem Vater, mit dem Restaurant? Und was bleibt von den Erinnerungen und Gefühlen der Geschwister, was blieb von ihren Träumen und Hoffnungen?
Genres sind offene Erzählweisen, in die man vieles hineinschmuggeln, in denen manches hinter den scheinbaren Konventionen und Standards verborgen werden kann. Robert Guédiguian zum Beispiel geht es in seinem Film nicht allein um die innere Situation einer bürgerlichen Familie, die Situation von »Das Haus am Meer« ist eher wie eine Schnittstelle europäischer Befindlichkeiten und Haltungen: Was in der kleinen Welt einer Bürgerfamilie geschieht und was die globalen Ströme von Kapital und Blut anrichten, das muss schließlich zusammenkommen und eine moralische Entscheidung einfordern. Eine politische Metapher. Zugleich aber ist der Film von einer genauen Kenntnis und Liebe zur Region und zu den Menschen geprägt, Guédiguian ist der filmische Chronist von Frankreichs Süden, von Marseille. Ein Heimatfilm, sozusagen. Aber dann geht es in den Gesprächen und in den Konflikten der Familie noch um ein Drittes. Nämlich nicht nur um das Weitermachen mit all den Problemen und Lasten, sondern auch um die Frage nach dem richtigen Leben. Ein philosophischer Essay mithin. Und das alles bringt die Regie in eine wundervolle, fast schon radikale Einfachheit. Selten hat man im Kino, so wie hier, das Gefühl, dem Leben zuzuschauen. So, wie es ist. In seiner Schönheit. In seiner Traurigkeit. In seinen Mühen. In seinen Irrwegen. Und in den kurzen Augenblicken des Glücks.
Aber die elegische Poesie wird radikal unterbrochen: Überlebende Kinder aus einem gestrandeten Flüchtlingsboot haben sich in den Hügeln versteckt. Geschwister, wie Joseph, Armand und Angèle, ein Spiegel, eine Herausforderung. Und, was den Film anbelangt, ein Rhythmus- und Tonartwechsel. Während sich die meisten Familien-Reunionsfilme immer weiter nach innen schrauben, öffnet sich Guédiguians nach außen. Das ist, für das Genre wie für die Zuschauer, eine Befreiung. Und eine Lehre für beides: Es geht nicht immer nur um uns selbst.
Das alles kann nur durch Schauspieler zusammen gebracht werden, die sich ganz in den Dienst der Sache stellen. Es ist, als hätten sie den »maritimen Kommunismus« (Libération) von Guédiguian mit dem Licht einer über dem Meer niedergehenden Sonne eingesogen. Schließlich sind auch die Schauspieler eine »Familie«: Ariane Ascaride ist die Ehefrau des Regisseurs, Jean-Pierre Daroussin hat mit ihr gemeinsam Schauspielerei studiert, Gérard Meylan hat in nicht weniger als sechzehn Filmen des Regisseurs mitgespielt, seit »Dernier eté« aus dem Jahr 1980. Diese Vertrautheit ist in jeder Szene zu spüren. Man reagiert als Kollektiv auf eine Herausforderung.
Dass der Film ein großes humanistisches Statement für eine Heimat der Menschen ist, ein Appell für universale Geschwisterlichkeit, und eine Geste gegen die Barbarei der Politik, versteht sich bei diesem Team fast von selbst. Die sanfte Beharrlichkeit des Films aber lässt den Verdacht rasch verschwinden, es gehe um die Illustration von Thesen im Rahmen des Genres. Man kann hier das Meer riechen, die Ermattung und die neue Energie spüren, die Angst und den Trotz. Dass es im Kino vielleicht ein bisschen mehr Hoffnung gibt als draußen in der Wirklichkeit, diese kleine Übertreibung wollen wir dem Film gern verzeihen.

Georg Seeßlen

Das Haus am Meer – Trailer from Jürgen Lütz on Vimeo.

DAS HAUS AM MEER (La villa)
von Robert Guédiguian, F 2017, 107 Min.
mit Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Gérard Meylan, Jacques Boudet
Drama
Start: 21.03.2019

Wir verlosen in Zusammenarbeit mit dem Verleih FilmKinoText 5 mal 2 Freikarten für den Film an unsere Leser. Schreiben Sie mit Ihrer Adresse und dem Kennwort »Das Haus am Meer« eine E-Mail an verlosungen@strandgut.de. Einsendeschluss: Mi., 20. März. Viel Glück!

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