Caricatura Museum: Zu Ernst Kahls Siebzigsten gibt‘s »Vergessene Katastrophen«

Die alten Holzgestelle, auf die der mächtige Mann sich stützt, werden gewöhnlich für die Auflage von Tisch- oder Tapezierplatten genutzt. Er braucht sie als Gehhilfe. Das Bild gehört zu den Reisebildern von Ernst Kahl und zeigt den sich vorwärts wuchtenden Protagonisten in den Gassen der maroden Altstadt von Havanna. »War unter den Mambo-Tänzern ein Gigant« steht darauf oben zu lesen. Und am unteren Rand: »Auf dem Weg zur abendlichen Altenfütterung«. Kein bisschen komisch, selbst durch die zynischste aller Brillen nicht, ist diese Arbeit, die anlässlich des 70. Geburtstags ihres Schöpfers im Rahmen der Retrospektive »Vergessene Katastrophen« im Caricatura Museum hängt. Auch ein anderes Werk der auf 1992 datierten Reise enthält sich jeder ironischen Distanz: Es zeigt eine, aus dem Spiegel, vor dem sie sich richtet, zögerlich blickende nackte Dunkelhäutige, und ein gerahmtes Bildporträt von Che Guevara auf der Kommode. Der handschriftliche Notiz am Bildrand erzählt, dass die augenscheinliche Geliebte des Künstlers Muriel heißt, 20 Jahre alt ist und ein fünf Jahre altes Kind von einem Mann hat, der in Angola gefallen ist. »Sie will mich heiraten. Nein, sie will bloß weg.« schließt der Bildtext.
Tatsächlich sind diese beide Werke nur insofern typisch für die neue Ausstellung des »schönsten Museums der Welt«, als sie die zutiefst humane Haltung Kahls und die Bedeutung seiner handschriftlichen Kommentare unterstreichen. »Vergessene Katastrophen« rückt die vielfältigen Begabungen eines Meisters der Hochkomik ins Licht, der über Zeichnungen, Aquarelle und Comics (»Pardon«, »Konkret«, »Titanic«, aber auch »Der Feinschmecker«) hinaus in Bands spielte, Gedichte, Lieder, Drehbücher (»Werner beinhart«) schrieb, Kurzfilme produzierte und sogar vor der Kamera stand. Und der wie nebenbei die Documentas in Kassel regelmäßig mit Skulpturen versorgte. Die Pressekonferenz zur Ausstellung beging der Schleswig-Holsteiner singend mit »Ernst Kahl, goldenes Herz und Muskeln aus Stahl«.
Zu sehen sind im Caricatura-Museum 100 Acrylgemälde, 180 Tusche- und Aquarellzeichnungen, zehn Collagen, zwölf Fotomontagen, acht Installationen, vier Filme, neun Songs, ein Filmpreis und – aufgepasst – eine prominent besetzte Arschhaar-Sammlung mit sieben Exponaten, die ihm von einem britischen Verwandten stiefmütterlicherseits vermacht worden sei. Viele seiner Arbeiten greifen gängige Sprachbilder, Wortwendungen, aber auch Vorurteile auf, um sie mit überraschenden Wendungen zu konterkarieren. Dabei freut man sich nicht nur über den Acryl-Bienenstich, den die pausbäckige Kellnerin mit rot geschwollener Nase vor einer wunderbaren Almlandschaft mit einer Tasse Kaffee auf dem Tablett serviert, oder über die Entdeckung des Tals der traurigen Trakehner durch D. Livingston in der Reihe »Vergessene Großereignisse« (Folge 27). Ein Idyll ist auch die frühlingsgrüne Alm mit der Hühnerfamilie. Die Gravur »Hier schlug Schumi auf«, die der Stein am Wiesenrand trägt, weist den Hang als winterliche Skipiste aus.
Ohne explizit politisch zu werden. drückt der »Poet des Alltäglichen« unmissverständlich Haltung aus, wenn er mit spitzem Stift das moderne Sächsische Kasperle-Theater entwirft, Heino auf Lampedusa vor eingewickelten Fluchtopfern und laufenden Kameras Grönemeyer-Songs singen lässt oder den Begriff »Hitler-Deutschland« mit einer lichterloh brennenden Stadt versinnbildlicht. Große Kunst und ein großes Vergnügen.

Lorenz Gatt (Foto: © Ernst Kahl)
Bis 12. Mai: Di.–So. 11–18 Uhr; Mi. 11–21 Uhr
www.caricatura-museum.de

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