Barbara Honigmann schreibt wieder ein Stück ihrer Familiengeschichte

Mit dem »Roman von einem Kinde«, 1986, begann Barbara Honigmanns literarische Karriere. Es folgten zahlreiche, immer schmale Bändchen, die allesamt dicht an der Biographie der Autorin entlang geschrieben waren. Darunter, 1991, »Eine Liebe aus nichts«, nach dem Tod des Vater entstanden, und, 2004, »Ein Kapitel aus meinem Leben«, der Roman des Lebens ihrer Mutter, und jetzt endlich, 2019, »Georg«, fast so etwas wie eine Biographie des Vaters, und eine Liebeserklärung dazu. Wieder ein dünnes Bändchen, wieder höchst kondensiert, eine deutsch-jüdische Geschichte aus dem zwanzigsten Jahrhundert.

»Mein Vater heiratete immer dreißigjährige Frauen. Er wurde älter, aber seine Frauen blieben immer um die dreißig. Die erste, die zweite, die dritte und die vierte Frau.« Mit siebzig Jahren legt Barbara Honigmann das Buch ihres Vaters vor, »Georg«. Als er mit 82 starb, war sie erst 35. Die Eltern trennten sich, als sie sechs war. Sie wuchs bei ihrer Mutter Litzy auf, aber war jedes Wochenende und in den Ferien bei ihrem Vater. Ihr Verhältnis zu ihm und zu seinen wechselnden Frauen war eng.
Der kleine Georg, Sohn eines Gießener Musikprofessors, »war ein schmächtiger Bub mit traurigem Gesicht«. Seine Mutter starb früh und so nahm die Großmutter »das goldisch Bubsche« zu sich nach »Dammschtad«.
Als 17-jähriger ging er auf die einst sehr renommierte Odenwaldschule. Als Journalist und Auslandskorrespondent zog er nach London und lernte dort Litzy, seine zweite Frau und Barbara Honigmanns spätere Mutter kennen. Litzy war attraktiv, kapriziös und durch ihre erste Ehe mit dem legendären Spion Kim Philby haftete ihr immer etwas Geheimnisvolles an. Georg und Litzy suchten eine Zeit lang ihr »Heil in der politischen Bewegung«, dem Kommunismus, und zogen von London nach Ost-Berlin. Die Tochter, in Berlin geboren, konnte nie verstehen, warum ihr Vater, eher ein »Bohème« und »ungebunden«, dem »das Festgelegte« nicht passte, sich »auf die erzkonservative, einzig auf Machterhalt gerichtete Politik der kommunistischen Partei« einließ. Georg lebte immer in den Wohnungen seiner wechselnden Frauen, »eigene Freunde hatte er nicht«. Immer lebte er »besitzlos«, nur in »provisorischen Bindungen ohne Sicherheit und ohne Halt«. Dafür band er seine zwei Töchter, er hatte mit der vierten und letzten Frau noch ein Kind, »fest an sich, damit sie ihm ja nicht verloren gingen«. Georgs dritte Frau war Gisela May, eine bekannte Schauspielerin, die später berühmt als Sängerin von Brecht-Liedern wurde. Obwohl die Trennung der beiden schwierig und unschön war hatte Barbara Honigmann bis zu deren Tod eine enge Beziehung zu ihr. Die Tochter bedauert, dass es von Georg kaum etwas Schriftliches gab, doch es gibt viele mündliche Erzählungen, die das Kind befeuern den Vater zu bitten: »Erzähl weiter, Pappi«. Georg war als Jude »ohne Bekenntnis«. Als er im Krieg als »enemy alien« von London nach Kanada abgeschoben wurde, begegnete er dort zum ersten Mal orthodoxen Juden, »in voller Ausrüstung, Torarolle, Talid, Talmudexemplaren«. Sie schienen ihm »doch von einem ganz fremden Stern zu sein«. Georg, der sein Leben lang als ungläubiger Jude »zwischen den Stühlen saß«, war ein »charmanter, unwiderstehlicher Misanthrop«. Diese Geschichte seines Lebens, tieftraurig, vor allem aber berührend, erzählt uns von einem Menschen, der im Leben keinen Platz fand. Er war für »die Engländer ein Deutscher geblieben, für die Deutschen ein Jude. Für seine Genossen war er zu bürgerlich, nie über Hermann Hesse hinausgekommen. Für die richtigen Bürger war er zu bohèmehaft, er hatte ja nichts aufgebaut, angesammelt oder gar vermehrt … nicht einmal ein geordnetes Leben im einfachsten Sinne hatte er zustande gebracht mit all seinen Ehen und Scheidungen«. Barbara Honigmann erzählt ohne Pathos, mit einfachen Sätzen. Eher nüchtern nähert sie sich dem Vater und doch spürt man die tiefe, ja innige Zuneigung.

Sigrid Lüdke-Haertel

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