»Astronaut« vonShelagh McLeod

Solange man lebt, besteht eine Möglichkeit, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Das ist gewissermaßen die Seniorenversion des amerikanischen Traumes, der sich auf dem Weg vom Tellerwäscher zum Millionär erfüllt. Im fortgeschrittenen Alter ist dieser Weg einfach zu lang, und weil allgemein der Altersdurchschnitt, auch auch der des Arthouse-Publikums, immer mehr zunimmt, steigen heutzutage auf der Kinoleinwand Hundertjährige aus dem Fenster oder verliebt sich auf »Wolke 9« eine 69-Jährige nach 30-jähriger Ehe in einen 76-Jährigen.

Womit wir bei diesem »Alterswerk« angekommen wären. Darin hat der Straßenbauingenieur Angus Stewart sein Leben lang fasziniert in den Himmel geschaut und davon geträumt, einmal selbst als Astronaut um die Erde zu fliegen. Jetzt, mit 75 Jahren im Ruhestand, ist ihm nur noch die Aufgabe geblieben, die Faszination für den Weltraum an seinen Enkel weiterzugeben.
Da man in Filmen immer etwas von sich selbst sucht, ist so eine Figur ideal fürs ältere Kinopublikum, und wenn man für sie auch einen bekannten Schauspieler findet, kann einer Verfilmung nichts mehr im Weg stehen.
Richard Dreyfuss war, so gesehen, keine schlechte Wahl. Dass seine berühmtesten Auftritte in »Der weiße Hai« und »Der Untermieter« (sogar mit einem Oscar belohnt) schon mehr als vierzig Jahre zurückliegen, passt prima zur Situation von seinem Angus. Auch der hat seine besten Tage vor langer Zeit gesehen.
Jetzt ist er ein trauernder Witwer. Sein Haus soll verkauft werden, weil er mittlerweile bei Tochter Molly (Krista Bridges) und Schwiegersohn Jim Williams (Lyriq Bent) wohnt. Einzig mir seinem Enkel, dem kleinen Barney (Richie Lawrence), versteht er sich gut. Barney wird auch eingeweiht, als Angus beschließt, an einer Fernsehverlosung teilzunehmen. Der exzentrische Milliardär Marcus Brown (Colm Feore) plant nämlich einen Weltraumflug und stellt dafür ein Freiticket in einer groß angelegten, öffentlichen Publikumswahl zur Verfügung.
Angus sieht mit einem Mal eine Möglichkeit, seinen Traum von einem Raumflug zu verwirklichen. Er schafft es sogar in die Endrunde, bekommt aber vor laufender Kamera einen kleinen Schlaganfall. Für seine besorgte, vielleicht etwas übervorsichtige Tochter bedeutet dies sein Aus im Hause Williams. Angus muss in ein Pflegeheim (langsam häufen sich in den Filmen die Szenen, in denen ein Elternteil vom Nachwuchs mit beschönigenden Worten ins Altenheim abgeschoben wird).
Bis dahin ist der Film ein leises Drama mit Schauspielern, die ihren Figuren Glaubwürdigkeit verleihen. Vor allem gelingt es Dreyfuss, einen eigensinnigen Großvater zu verkörpern, der trotz altersbedingter Probleme mit einer sympathischen Naivität sein Ziel verfolgt. Im Pflegeheim herrschen Pflegerinnen, die Gefängnisaufseherinnen gleichen. Es ist als ein äußerst unwirtlicher Ort etwas klischeehaft überzeichnet, auch wenn Shelagh McLeod – »Astronaut« ist ihre erste Spielfilminszenierung – in einer Stellungnahme von schlechten Erfahrungen im Pflegeheim ihrer Mutter spricht.
McLeods wichtigste Drehbuchidee besteht nun darin, Angus als Gesteinsexperte und Kenner des Untergrundes der instabilen Startbahn eine zweite Chance zu geben. Mit seinen Warnungen vor einem Unfall, die letzten Endes eine Katastrophe beim Start verhindern, erhält der Film ein Ende, das unwirklicher nicht sein könnte. Der Kritiker fragt sich wieder einmal, ob das Arthouse-Publikum denn auf Teufel-komm-raus ein glückliches Ende bekommen muss.

Claus Wecker (Foto: JETS Filmverleih und Vertrieb)

>> Hierlang zur Freikartenverlosung.

 

ASTRONAUT
von Shelagh McLeod, CDN 2019, 97 Min.
mit Richard Dreyfuss, Lyriq Bent, Krista Bridges, Colm Feore, Richie Lawrence, Graham Greene
Tragikomödie
Start: 15.10.2020

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