Als die Frauen noch Röcke trugen – Fünf Filme von François Truffaut auf arte

François Truffaut (1932–1984) hat sich einmal darüber beklagt, dass seine Filme mittlerweile von Kritikern beurteilt würden, die in ihrem Leben nicht einen einzigen Film von Friedrich Wilhelm Murnau gesehen hätten. Heutzutage muss man annehmen, dass Filme von Kollegen kritisiert werden, die noch keinen Truffaut-Film gesehen haben.

Nicht nur um diesen Umstand zu ändern, sondern zu unser aller Vergnügen zeigt jetzt der deutsch-französische Kultursender arte fünf Filme des Mitbegründers der Nouvelle Vague. Und ein Vergnügen bereitet diese kleine Auswahl allemal.

Truffaut liebte nämlich das Kino und verbrachte, vor allem bevor er Filme zu drehen begann, einen großen Teil seiner Lebenszeit im Kino. Das war zu seiner Zeit keine Kunst, denn die Stadt war voller Kinos, in denen die aktuellen Filme (synchronisiert und in der untertitelten Originalfassung) sowie die Klassiker zu sehen waren. Letztere vor allem in der Cinémathèque française, der Mutter aller Filmmuseen, in der Truffaut Dauergast war.

Seine Ausbildung hat er dort erhalten, nicht in einer Filmhochschule. Im Vergleich zu den Filmen der Absolventen dieser Institutionen ist seine Methode ziemlich erfolgreich gewesen. Das hängt natürlich auch daran, dass »Schüler« François Kritiken geschrieben hat, in denen er sich intensiv und  zuweilen schonungslos mit Filmen auseinander gesetzt hat. (Einige sind auch ins Deutsche übersetzt worden.)

Der gestrenge Kritiker wurde sogar in Cannes ausgesperrt, bevor er dort ein Jahr später für seinen ersten Spielfilm »Sie küssten und sie schlugen ihn« (Les quatre cents coups) als bester Regisseur ausgezeichnet wurde.

Es war der fulminante Start einer Karriere als Autorenfilmer mit einem Film, der die eigene Jugend verarbeitete. Truffaut hatte ein Alter Ego gefunden: Jean-Pierre Leaud, dem er den Namen Antoine Doinel gab. Statt einer Therapie machte der Regisseur Filme über Antoines Pubertät, seine ersten Versuche, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden und sich den Frauen zu nähern. (Im arte-Programm ist leider kein Beispiel aus der Antoine-Doinel-Reihe vetreten.)

Überhaupt, Truffaut und die Frauen. Nach einer Definition von ihm bedeutet das Drehen eines Films, schöne Dinge mit schönen Frauen zu machen. »Der Mann, der die Frauen liebte« (L’homme qui aimait les femmes) heißt nicht nur sein Film, in dem er zu beginn selbst kurz à la Hitchcock zu sehen ist, der Titel charakterisiert ebenso den Filmemacher selbst. Frauen sind für Truffaut magisch. Sie haben etwas Geheimnisvolles, selbst die Femme fatale aus einem amerikanischen Krimi erhält bei ihm ihre Würde und wird im Film noir »Das Geheimnis der falschen Braut« sogar für Jean-Paul Belmondo liebenswert. Im deutschen Filmtitel geht leider die Poesie des Originals verloren, in dem Catherine Deneuve »La sirène du Mississipi« ist.

»Die Braut trug schwarz« (La mariée était noir) ist Truffauts zweite Verfilmung eines Romans von Cornell Woolrich alias William Irish. Als großer Bewunderer Alfred Hitchcocks hat er dessen Komponist Bernard Herrmann verpflichten können. Mit Herrmanns unverkennbarer Musik und einigen filmischen Anspielungen ist der Film ein »französischer Hitchcock« geworden, mit einer Jeanne Moreau als diesmal unbarmherziger Sirene.

Verführerische und nicht so gefährliche Sirenen sind viele der Truffaut-Filmfrauen, während die Männer großspurig über sie reden und sich Überlegenheit vorgaukeln. In Wirklichkeit bleibt es ihnen verwehrt, sie zu durchschauen. Und so bleibt ihnen bleibt am Ende nur das Geräusch, wenn sich die Nylons an wohlgeformten Beinen reiben.

Es sind Filme aus einer Epoche, als die Frauen noch Röcke trugen. Und als sie die Männer letzten Endes durch ihre Anziehungskraft beherrschten, möchte man hinzufügen. Ob es diese Zeit wirklich gegeben hat, sollte man besser nicht fragen. Truffauts Blick ist der eines Romantikers, der die dieselbe Eleganz, die er den Frauen zuschrieb, eben auch seinem filmischen Stil verlieh. Seine erotische Beziehung zum Kino hat er einmal selbst indirekt beschrieben. Immer wenn er ins Theater gehe, hat er einmal gesagt, habe er das Gefühl, er betrüge das Kino.

Claus Wecker (Foto: Das Geheimnis der falschen Braut)

»Das Geheimnis der falschen Braut« am Fr., 16.10., um 13.40 Uhr

»Die Braut trug schwarz« am Mo., 19.10., um 20.15 Uhr

»Der Wolfsjunge« am Mo., 19.10., um 22.00 Uhr

»Der Mann, der die Frauen liebte« am Mo., 26.10., um 20.15 Uhr

»Auf Liebe und Tod« am Mo., 26.10., um 22.10 Uhr

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