»Zwischen den Jahren« von Lars Henning

Keine Zeit zum Ausruhen

Die knappe Woche zwischen Weihnachten und Silvester bietet allgemein eine gute Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Als ob die Zeit anhalte, sagt man. In Lars Hennings Film »Zwischen den Jahren« wird Becker, ein aus der Haft Entlassener, gerade dann von seiner kriminellen Vergangenheit eingeholt. Bei ihm ist von besinnlicher Ruhe keine Spur.

Peter Kurth, der für seine Verkörperung des Boxers Herbert im gleichnamigen Film von Thomas Stuber den Deutschen Filmpreis gewann, spielt den massigen, ungeschlacht wirkenden Becker. Der Film führt ihn ein, wie er vor seinem Bett kniet und betet. Becker ist Wachmann in einem mittelgroßen Betrieb. Kurz vor Weihnachten bekommt er einen neuen Mitarbeiter, den Armenier Barat (Leonardo Nigro), mit dem er zunächst nur das Allernotwendigste spricht. Becker will seine Ruhe haben. Sein Chef erinnert ihn daran, dass er mit dem Job eine Chance bekommen habe. Es ist der erste, dezente Hinweis auf Beckers Vergangenheit, die uns der Film gibt.
Derweil lässt Barat nicht locker in seinem Bemühen, Becker in einen umgänglichen Kollegen zu verwandeln, und nimmt ihn in die Kneipe mit. Die Putzfrau Rita (Catrin Striebeck), alleinstehend mit einem kleinen Jungen, bändelt mit Becker an, und der gibt bei ihr daheim den unbeholfen-väterlichen Freund.
Das ist alles sehr einfühlsam geschildert: eine düstere Welt der Zukurzgekommenen, mit den Problemen, die sich aus ihrer Lage ergeben oder zu ihrer Lage geführt haben. Wir erfahren von einer besonderen Last, die auf ihn drückt: Becker hat vor 18 Jahren bei einem misslungenen Einbruch eine Frau und ihr Kind erschossen. Ihr Ehemann (Karl Markovics) will sich jetzt, wo er wieder in Freiheit ist, an ihm rächen. Sie treffen sich in einem Restaurant, Becker bittet darum, in Ruhe gelassen zu werden. Doch vergeblich, auch Reue hilft dem Täter von einst nicht.
So wird aus dem Beziehungsdrama ein Thriller, aus sozialer Unsicherheit eine existentielle Bedrohung. Drehbuchautor und Regisseur Lars Henning nimmt sich Zeit, schafft die entsprechende Atmosphäre und steuert behutsam auf die Lösung des Konflikts zu, die hier nicht verraten werden soll. Er beschäftigt sich nicht das erste Mal mit Menschen, die Gefahr laufen zu scheitern. So kann man seinen zehn Jahre alten Kurzfilm »Security« als eine Art Fingerübung und Vorstudie zu seinem aktuellen Film ansehen. Damals gab Peter Kurth einen Supermarkt-Detektiv namens Becker, der eine Polin beim Diebstahl erwischte und, ohne die Polizei zu rufen, wieder laufen ließ.
Henning, ein auf Festivals gern gesehener und vielfach ausgezeichneter Filmemacher, ist mit seinen Indie-Produktionen bis heute beim Kinopublikum ein Unbekannter geblieben. Mit diesem Film, der gerade auf der Berlinale in der Sektion »Perspektive Deutsches Kino« gezeigt wurde, könnte sich dies ändern. Es wäre ihm zu wünschen.

Claus Wecker
ZWISCHEN DEN JAHREN
von Lars Henning, D 2016, 97 Min.
mit Peter Kurth, Karl Markovics, Catrin Striebeck, Leonardo Nigro
Thriller
Start: 16.03.2017

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