Zweimal Geschichte, die bis heute wirkt

Sachbuch 1: Sebastian Fitzek wird wegen seines neuen Romans deutscher Innenminister? Puuh. John Buchan, dem Paris-Korrespondenten der Londoner »Times«, widerfuhr genau das in Großbritannien vor hundert Jahren, nachdem er 1916 mit seinem Thriller »Grünmantel« einen Bestseller gelandet hatte. Vor dem deutschen Islamismus hatte er darin gewarnt, vor einem »Dschihad Made in Germany«. Es war weit weniger aus der Luft gegriffen, als man hätte meinen könnte. Bei den ausgiebigen Recherchen für seinen 2015 erschienenen Roman »Risiko« stieß der Romancier Steffen Kopetzky auf den sogenannten Oppenheimer-Plan – den niemand kennt, weil nichts aus ihm geworden ist. Trotzdem lässt das Dokument heute noch frösteln, beschreibt der im Ersten Weltkrieg entwickelte Plan doch etwas, dessen Folgen bis heute wirken: nämlich die Mobilisierung arabischer, persischer und afghanischer Muslime zum Heiligen Krieg. Terror als Waffe und als strategisches Element der Geopolitik.
Das Deutsche Reich wollte damit seine Kriegsgegner schwächen und sie vom Nachschub aus den Kolonien abschneiden. Entwickelt wurde der »Dschihad-Plan« von einem der besten Orientalisten der Zeit: vom Bankierssohn Max von Oppenheim (1860–1946). Seine »Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde«, enthält konkrete Handlungsanweisungen für den Waffenschmuggel, für Brandanschläge und den Einsatz von Propaganda, liest sich wie ein Handbuch des Terrors, ist ein Dokument intellektueller Skrupellosigkeit. Der Verlag »Das kulturelle Gedächtnis« zeigt hier beeindruckend, wie weit gefasst er sein Programm definiert, dies ist fürwahr ein bewahrenswertes Dokument der Zeitgeschichte, sehr solide editiert. Bei der Instrumentalisierung des Islams gibt es eine verdammt deutsche Tradition.

Max Freiherr von Oppenheim: Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde, herausgegeben von Steffen Kopetzky.
Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2018. 112 Seiten, gebunden, Kopffarbschnitt, Lesebändchen, 18 Euro.

 

Sachbuch 2: Aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht. Kafka infizierte sich damit am 14.10.1918 in Prag – und überlebte, auch Ezra Pound hatte Glück. Guillaume Apollinaire starb daran. Donald Trump wäre ohne sie nicht der, den wir nun ertragen müssen. Großvater Friedrich erlag mit 49 der Spanischen Grippe, sein Sohn Fred erbte jung und begründete so ein Immobilienimperium. Das Leben eines fast jeden heutigen Erdenbewohners ist von dieser Pandemie beeinflusst (zwei Brüder meiner Großmutter zum Beispiel starben), unser kollektives Gedächtnis aber weiß so gut wie nichts mehr davon. Schon gar nicht vom Ausmaß.
1918, das ist für uns das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg zu Ende ging. Es war aber auch das Jahr mit dem größten Massaker der Menschheitsgeschichte. Die Spanische Grippe infizierte jeden dritten Erdling: 500 Millionen Menschen. In drei Wellen schwappte sie um die Welt. Zwischen dem ersten gemeldeten Krankheitsfall am 4. März 1918 und dem letzten zwei Jahre später tötete das Grippevirus 50 bis 100 Millionen Menschen, also 2,5 bis 5 Prozent der Weltbevölkerung. Das stellt die Toten des Ersten (17 Mio.) und des Zweiten Weltkriegs (60 Mio.) zusammen deutlich in den Schatten. Die USA verloren mehr Soldaten an die Grippe als auf den Schlachtfeldern, an der Westfront infizierten sich drei Viertel der französischen Truppen und 900.000 deutsche Soldaten.
Gut 80.000 Bücher gibt es über WW I, ganze 400 bisher nur über die weltumspannende Fieberepidemie. Ein mehr als seltsamer kollektiver Gedächtnisverlust, dem die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney mit »1918. Die Welt im Fieber« nun endlich mit einer Vielfalt von Instrumenten zu Leibe rückt. Ihr Buch ist ein Glücksfall: klug und anschaulich, weiblicher Blick, interdisziplinär, weltoffen, abgeklärt, sinnlich und rasend spannend. Eine weltumspannende Detektivgeschichte. (Wie überhaupt dieser Stoff ein gewaltiges Feld für Kriminalliteratur wäre.)
Spinney hat die politischen und kulturellen Verwerfungen mit im Blick: den gesellschaftlichen Aufstieg von Egoismus & Kaltherzigkeit – Mitleid konnte schließlich tödlich sein – ebenso wie die neue Liebe zum Frischluftsport und die geradezu obsessive Beschäftigung der Künstler des 20. Jahrhunderts mit den vielfältigen Arten, auf die der menschliche Körper versagen kann. Möglicherweise, das müsste eine weitere Tiefenbohrung prüfen, hat unsere kollektive, Einschaltquoten und Bestseller gehärtete, unleugbare Krimilust an Tod und nur temporärem Mitleid ja hier eine ihrer Wurzeln. Spinneys letztes Kapitel geht nicht umsonst übers Erinnern. Philipp Bloom ist beizupflichten: Tatsächlich ein historisches Werk, dem es gelingt, eine Zeit, über die schon alles gesagt schien, neu zu beleuchten.

Laura Spinney: 1918. Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte
(Pale Rider. The Spanish Flu of 1918 and How it Changed the World, 2017). Aus dem Englischen von Sabine Hübner. Carl Hanser Verlag, München 2018. 378 Seiten, 26 Euro.
Alf Mayer

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