Zum Heulen (83)

In diesem Monat sind viele Tränen geflossen. Manche aus Trauer, viele aus Wut und einige vor Überforderung. Letztere kamen von Herrn Steinbrück im Fernsehen, wo Wahlkampf betrieben wurde für eine Partei namens SPD, die zur Zeit ihren Geburtstag feiert (150 Jahre Zwietracht im Kampf für das Gute). Sigmar Gabriel tat so, als würde er das Kriegsbeil mit Steinbrück begraben, Steinbrück tat so, als sei er ein Kanzlerkandidat, so lange jedenfalls bis seine Frau Gertrud auf die Bühne kam und erklärte, sie wisse nicht, warum sich ihr Mann das alles antue. Es sei ihnen doch supergut gegangen. Und jetzt werde er verhauen, für etwas, das er früher gemacht habe.

Das war der Punkt, an dem Steinbrück die Fassung verlor. Fast hätte man Mitleid haben können mit diesem Mann, der sonst immer so naßforsch ´rüberkommt, der die Kavallerie in die Schweiz schicken wollte und der sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegt, um einer Partei zu dienen, in die er im Grunde nicht gehört.

Steinbrücks Parolen, wir wissen es mittlerweile alle, entsprechen nicht seiner wirklichen Meinung, sondern sind ihm von einer Partei aufgezwungen, die mit beiden Beinen fest im Gestern steht – und kein Nachwuchs nirgendwo in Sicht. Dann erinnerte ich mich an seine lächerliche Beschwerde, wonach der Lieblingsfilm von Frau Merkel (»Paul und Paula«) es sogar ins Feuilleton geschafft habe, sein Lieblingsfilm (»Deer Hunter«) hingegen nicht.

Kann denn niemand diesem Mann erklären, dass der Lieblingsfilm eines deutschen Kanzlerkandidaten auf keinen Fall ein amerikanischer Vietnamkriegsfilm sein kann? Passend wäre gewesen »Berlin-Alexanderplatz«, »Die Feuerzangenbowle oder »Männer« von Doris Dörrie. Man kann doch niemanden wählen, der schon bei so kleinen Dingen versagt.

Ein anderer Trauerfall ist der Herr Erdogan aus der Türkei, der seine Demonstranten als Gesindel und Terroristen bezeichnet, die von ausländischen Mächten zu ihrem frevelhaften Tun angestiftet worden seien, weswegen viel Tränengas verschossen – und jede Kritik als Einmischung in innere Angelegenheiten gewertet werden mußte. Das – und die damit einhergehenden Unverschämtheiten gegenüber EU und BRD – wurde bei uns einhellig verurteilt. Keiner schien sich daran zu erinnern, dass in den 1970ern Demonstranten hierzuland ähnlich abgewatscht wurden (Kohls »Chaoten«). Andererseits hat Erdogan all diese Prügel verdient, seit er in Deutschland herumzog, den Spruch »Assimilation ist ein Verbrechen« auf den Lippen.

Ein trauriger Fall ist auch der Herr Putin, ein Autokrat reinsten Wassers, der sich in Sachen Beutekunst einigermaßen albern aufführte und derzeit für sein Verhalten in der Syrienkrise (Waffen für Assad) gegeißelt wird.

Dummerweise könnte er gerade in diesem Fall recht haben.

Das wäre echt zum Heulen.

Kurt Otterbacher

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