»Zeigen was man liebt« von Frank Göhre, Borwin Richter, Torsten Stegmann

Herzblut pur in hoher Dosis

Erstaunlich, was es einmal an Lässigkeit und Leidenschaft im deutschen Kino gegeben hat. Es ist ein eher unbekanntes Kapitel des deutschen Films, das in diesem enorm kurzweiligen und spannenden Dokumentarfilm aufgeblättert wird. Sozusagen standesgemäß, ist er ganz ohne Förderung oder Fernsehbeteiligung entstanden, einfach, weil die Macher ihn machen wollten und die Zeit reif war. »Zeigen was man liebt« ist eine Entdeckung. Frisch von der Weltpremiere auf dem Münchner Filmfest, ist er nur an einem Abend im Rhein-Main-Gebiet zu sehen: am 5. Juli, um 21 Uhr im Orfeo, in Anwesenheit von Frank Göhre.

Der junge deutsche Film war einmal wunderbar wild und lässig, er bestand nicht nur aus den »Oberhausenern« mit Kluge, Reitz und Schlöndorff. Die sahen Film als eine »allgemeine Intelligenzform« (Kluge) und »wissenschaftliche Arbeit« (Reitz), er sollte »soziale Wirklichkeit spiegeln« (Peter Schamoni) und musste »ernst und sachverständig« (Schlöndorff) gehandhabt werden. Weit cooler im Lebensgefühl, sozusagen die »Spielergeneration«, war die sogenannte Neue Münchner Gruppe (1962 – 1973). Rudolf Thome, Klaus Lemke, May Spils, Werner Enke, Max Zihlmann und andere gehörten dazu. Sie waren ein lockerer Haufen und trafen sich in Schwabinger Kneipen und Cafés, etwa im Eiscafé Capri auf der Leopoldstraße, vor allem aber im »Bungalow« neben dem Kino »Türkendolch«. Sie waren von den Filmen der französischen »Nouvelle Vague« begeistert und von Howard Hawks, John Ford und Samuel Fuller.
Davon geprägt, drehten sie ihre ersten Filme. Ihr Star, etliche Jahre bevor es Uschi Obermeier gab: Iris Berben. Der Filmkritiker Uwe Nettelbeck hatte die damals noch nicht ganz Achtzehnjährige mit von Hamburg nach München gebracht und es ist ein Nettelbeck-Zitat, das dem äußerst unterhaltsamen Dokumentarfilm den Titel gibt: »Zeigen was man liebt«, das war das Programm der Münchner Gruppe. Man ging zusammen ins Kino, spielte Szenen auf den Schwabinger Straßen, begeisterte sich – und machte es einfach. Drehte selbst. Riskierte und verbrannte Erspartes und Erbschaften. Aber es machte Spaß. So viel, dass Iris Berben heute noch dazu steht und dass man ihr den Stolz anmerkt, damals dabei gewesen zu sein. Iris Berben ist die Erzählerin dieser Zeitreise, zurück in eine Welt, in der die Alten sich vor den Gammlern entsetzten, die geprägt war von Aufbruch und Revolte, aber auch von »make love not war« und einer gelebten »Leichtigkeit des Seins«. Es ist, wie Iris Berben es formuliert, »ein Brocken Filmgeschichte, die Energie erlebbarer Filme, an denen man sich noch heute orientieren kann.«
Ergänzend und nie langweilig geben Klaus Lemke, Martin Müller, Rudolf Thome, der Drehbuchautor Max Zihlmann, dessen Schwarm die französische Filmschauspielerin Alexandra Stewart war, May Spils und Werner Enke über sich und ihr damaliges Schaffen, ihre Haltung zum Film und Filme Auskunft, kommentiert von Olaf Möller und Dominik Graf. Der sagt: »So leicht hat sich keiner den deutschen Film vorgestellt«, und lästert gehörig über die heutige Feigheit von Fernsehredakteuren und Gremien. Viele selten gezeigte oder unbekannte Filmausschnitte runden die Zeitreise ab. Am Ende findet man es schade, dass sie schon vorbei ist.
Mich persönlich wundert nicht, wie kurzweilig und gut geschnitten dieser Dokumentarfilm daherkommt. Letztes Jahr hatte ich das Vergnügen, zusammen mit Frank Göhre ein Buch zu machen, für das es überreiches, überbordendes Material gab, nämlich sämtliche 55 Kriminalromane vom 87. Polizeirevier des Autors Ed McBain und noch ein paar Bücher mehr und Interviews und Hintergründe. Frank Göhre, Roman- und Drehbuchautor von »St. Pauli Nacht« (ausgezeichnet mit dem Deutschen Drehbuchpreis), der »Kiez-Trilogie« und der Biografien von Friedrich Glauser (»Mo«) ist ein Schnittmeister der Sonderklasse, durchaus Peter Przygodda gleichzustellen, der von Wenders bis zu den Dokumentarfilmen des Frankfurter Duos Mischka Popp/ Thomas Feldmann vielen Filmen ihren Drive und Rhythmus gab. Frank Göhre hatte immer schon einen Draht zum Rockerfilmer Klaus Lemke, der natürlich im Film vorkommt, auch einen zu Dominik Graf und anderen. Es war der absolut richtige Griff von Torsten Stegmann, Hamburgs »ältestem Jungfilmer« (»Harrys Comeback – Letzter Puff vor Helgoland« und »Krasser Move«), und von Borwin Richter (Buchautor von »Der Kommissar unter Berücksichtigung der Aspekte von 68«), den filmaffinen Frank Göhre ins Boot zu holen. Als sie Absage über Absage von Fernsehredaktionen und der Hamburger Filmförderung kassierten, beschlossen die alten Haudegen einfach, sich davon nicht weiter stören zu lassen.
»Zeigen was man liebt« ist mehr als ein Film der guten Laune, ist weit mehr als eine filmhistorische Exkursion. Er ist und zeigt trotzige, lässige Selbstbehauptung, lacht der Welt ins Gesicht, ist Herzblut pur in hoher Dosis. Nach diesem Film fühlt man sich – egal wie alt man ist – für eine ziemliche Weile ziemlich verdammt jung. Und lässig. Und cool.

Alf Mayer
Zeigen was man liebt
von Frank Göhre, Borwin Richter,
Torsten Stegmann, D 2016, 84 Min.
mit Iris Berben, May Spils, Rudolf Thome, Werner Enke, Dominik Graf, Klaus Lemke, Olaf Möller, Martin Müller, Dominik Graf
Dokumentarfilm

Nur am 05.07.2016 im Rhein-Main-Gebiet. Noch kein Verleih.

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