Wo ist unser Trump? (93)

Die Amis haben einen, und den sogar noch gewählt. Die Österreicher haben einen, der heißt Hofer und ist – zumindest zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen – noch nicht gewählt. Und wir? Wir haben einen Präsidialkandidaten, der zwar beim Volke beliebt ist – böse Zungen meinen, weil er als Außenminister ja auch nie da ist -, der aber in den Augen seiner Gegner durchaus hillarymäßig doch den einen oder anderen Dreck am Stecken hat: Stichworte  Agenda 2010, NSA, Murat Kurnaz. Und dagegen will natürlich unsere Linke ihren Bernie Butterwegge ins Rennen werfen. Jetzt fehlt uns noch ein Donald. Da wir aber derzeit in unserem Land ein Präsidentenbennungsverfahren statt einer Wahl haben, wäre weder der Unterhaltungs- noch der Erschreckenswert durch einen trumpeligen Kandidaten gestiegen. Von der Gefahr einer Machtübernahme ganz zu schweigen. Und mal ganz abgesehen davon, dass unser Präsident zwar viel zu sprechen aber wenig zu sagen hat.

So ist denn dem Vormarsch der Populisten zumindest in diesem Stadium der politischen Entwicklung unserer Republik vorerst mal Einhalt geboten. Aber wer und was sind sie eigentlich, diese Populisten? Ein Populist, so erscheint es beim Googlen gleich ganz oben, ist jemand, der »die Unzufriedenheit, Ressentiments, Ängste, Hoffnungen und aktuellen Konflikte ausdrückt oder instrumentalisiert, indem er Gefühle anspricht und einfache Lösungen vorstellt«. Dass damit eine exakte Beschreibung der Deutschalternativen und ihrem nationalistischem und rechtsradikalen Umfeld gegeben wird, ist eine banale Weisheit und eigentlich keiner weiteren Worte wert. Was aber ist – und ich weiß, dass ich mir nun nicht nur Freunde mache – mit jener Oppositionspartei, die auf einem Frankfurter Parteitag mit der nachvollziehbar richtigen Forderung »Bezahlbarer Wohnraum für alle« um Wählerstimmen buhlen. Heißt das nicht auch, hier werden Unzufriedenheit, Ängste und Hoffnungen ausgedrückt (s.o.) und zugleich den etablierten Herrschenden unterstellt, eben dieses nicht zu wollen, während man selber billige Wohnungen von heute auf morgen bereitstellen könnte..

Und das kann man fortsetzen: Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr, Ende aller Kriegseinsätze, und überhaupt: mehr Geld, ein gutes Leben, mehr Freizeit bei vollem Lohnausgleich, wer könnte da nein sagen. Aber vielleicht ist das ja gar kein Populismus, sondern nur die Banalisierung der Politik durch Überschriftenprogrammatik. Es erinnert so ein bisschen an die Standardfrage an die Kandidatinnen der diversen eher ländlichen Misswahlen, was denn ihr höchstes Ziel sei. Und was antworten die? »Frieden auf der Welt«, flöten die meisten. Nein, natürlich ist eine linke Überschriftenpolitik, die allgemeine Selbstverständlichkeiten formuliert, nicht mit rechter Vorurteilspolitik gleichzusetzen. Aber es ist die Vereinfachung politischer und gesellschaftlicher Problembeschreibungen, die das Futter für Populismus ist.
Da ist es wenig hilfreich, einer Bundespräsidentenwahl als Zuschauer beizuwohnen, die mit Wahl nichts mehr zu tun hat, sondern nur ein Auftrieb von ungefährt 1200 Claqueuren, genannt Bundesversammlung, ist, gegenüber dem das amerikanische System mit den Wahlmännern (und –frauen) fast urdemokratisch genannt werden kann.

Allerdings mit einem Scheißergebnis.

Jochen Vielhauer

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