Wir wollen gar nix (114)

Wahlkampf in Frankfurt: das ist so tröge wie ein Faschingsumzug. Die Styropor- und Papp-Themenwagen mit all den abgestandenen Witzen, ohne Erkenntnis, Ziel oder Absicht: sie entsprechen den nutz- und humorlosen Parölchen auf den Plakaten, die in »Prachtstraßen« wie der Bockenheimer Landstraße abhängen.
Das betrifft alle Parteien, weswegen man ihre Abschaffung oder wenigstens die Reduzierung ihrer Bedeutung auf Wahlvereine, deren einziger Zweck die Finanzierung des Wahlkampfs ihnen genehmer Kandidaten wäre, in Angriff nehmen sollte.
Schon hätten wir eine Parole: »Nieder mit dem Fraktionszwang. Jeder Abgeordnete entscheidet nach seinem eigenen besten Wissen und Gewissen«.
Der einzelne Kandidat müßte dann eher mit den Dingen werben, die er kann (zugegeben ein Problem) – und nicht mehr mit dem, was er will – oder uns zu schenken gedenkt.  (Unsere Demokratie ist schließlich auch das einzige Bestechungssystem, in dem der Bestochene das Bestechungsgeld selber zahlen muß!)
Heute wird nur gefordert, was Kandidat und Partei glauben anstreben zu müssen. Etwa »bezahlbarer Wohnraum«: eine Forderung, die viele teilen können und die sehr, sehr ernst daherkommt.
Während der Sponti-Zeit – wurde  wenigstens »Wir wollen alles« gefordert – oder »Freie Sicht aufs Mittelmeer«, beides so idiotische (mein Gott: wer will schon alles?) wie unrealisierbare Forderungen, die sich dafür gleich selber auf die Schippe nahmen.  So was gibt es heute überhaupt nicht mehr. Witz ist verpönt.
Die CDU heute ist gegen Denkverbote und für »neue Ideen«, teilt sich diese mit den Grünen, die zusätzlich auf »Nachhaltigkeit« (der Begriff ist bereits unangenehm rechthaberisch) setzen und »gegen Konzeptlosigkeit« wettern. Die FDP will »gestalten statt verwalten«, die SPD will »Schulen sanieren« und die Linke  es »sozial und gerecht« haben. Alles leere und unausgegorene Floskeln. Wir erfahren nie, ob und wie das hehre Ziel zu erreichen sei.
Mit der Partei, die alle Denkverbote (im wahrsten Sinn des Wortes) aufgegeben hat, wollen hingegen alle nicht reden – selbst wenn sie eine potentielle Wählerschaft von Millionen hat. Der Hessische Landtag hat, Gipfel der Armut,  entsprechende gemeinsame Erklärungen herausgegeben.
Eine Partei, die gerade zur Wahl antritt, beteiligte sich sogar handgreiflich am Rabatz, der um einen Wahlkampfabend der AfD im Bürgerhaus Bornheim entstand. Was die FR – Gott hab sie selig – zur lobenden Headline »Kein Recht auf Nazipropaganda« inspirierte – ohne ein kritisches Wort darüber, dass die Parole in Zusammenhang mit der vielbeschworenen Meinungsfreiheit womöglich ein klitzekleines Problem darstellen könnte – und kein Mensch das Recht hat, darüber zu befinden, was ein anderer sagen darf.
Das vielleicht traurigste Plakat stammt von der FDP. Es wirbt mit dem Konterfei der äußerst sympathischen Annette Rinn und dem Slogan »Frankfurts Staus beginnen im Römer«. Da die Frau seit rund 10 Jahren im Römer sitzt, scheint es nicht viel Sinn zu haben, sie zu wählen. Oder irgend jemanden sonst.

Kurt Otterbacher

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