Weltkulturen-Museum: Mit »Ware und Wissen« auf Nabelschau

Foto:  Anthropos. Institut, St. AugustinBloßgestellt

Frankfurts böser Bube Beltz hat in einer seiner streng politischen Weltbetrachtungen zum Thema Minderheiten sinngemäß einmal bemerkt, für solche kritischen Fälle der Fortexistenz unter diesen gebe es in unsererer Gesellschaft ja nun einmal die segensreiche Institution des Völkermuseums. Es sei an alles gedacht.

Ein Hausmeisterhumor à la Matthias Beltz, den man sich selbstredend verbietet. Doch siedelt der Kommentar des Kabarettisten Matthias Beltz gar nicht so weit weg vom Gründungsgedanken der Institution, die in Frankfurt ihren brachialen Namen durch immer differenzierendere Bezeichnungen ersetzt hat und vom Völkermuseum (1904) über das Museum für Völkerkunde (1940) und das Museum der Weltkulturen (2004) unter Leitung seiner 2010 berufenen Direktorin Clémentine Delisse zum dingistuerten und modisch geschriebenen »Weltkulturen Museum« avancierte.

Mit der Ausstellung »Ware und Wissen« knüpft sich das Haus nun seine eigene Geschichte vor – mit nicht wirklich überraschenden, doch beschämenden und erschreckenden Ergebnissen. In radikaler Offenheit werden beispielsweise neben dem tiefen Herrenmenschen-Rassismus des Museumsgründers Bernhard Hagen auch seine augenscheinlich sexuellen Präferenzen bloßgestellt. Zum ersten Mal werden Aufnahmen des zuvor auf Plantagen in Südostasien arbeitenden Arztes aus den Jahren 1875 bis 1895 gezeigt, anthropologische Nacktaufnahmen der Vermessung von Menschen, darunter ganze Serien von Penissen. In einer als Wandschrift beigesellten Notiz weist Hagen auf den wissenschaftlich erfreulichen Umstand von spontanen Erektionen seiner Modelle, die er so habe erfassen können. Vor dem Betreten des Raums macht ein Hinweis insbesondere Eltern aufmerksam auf die Exponate.

Mit fotografischen Typologien haben indes auch katholische Missionare Wissenschaft und heimische Märkte bedient und so ihre Reisen finanziert. Bis in das 20. Jahrhundert hinein wurden im Zuge des Kolonialismus zu Bildungszwecken respektive der Volksbelustigung Menschen aus fremden Kulturen, Eskimos, Neger, Indianer, Pygmäen, in deutschen Zoos ausgestellt. Die pseudoaufklärerische Geschäftsidee wird Carl Hagenbeck zugeschrieben. Eine Variante dieser entwürdigenden Wahrnehmung spiegelt Kubai wider: eine nach einer Fotografie Hagens modellierten Schaufigur eines Neuguineaners. Im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung wurden neben dem Frankfurter drei weitere Kubais in der Schweiz und in Freiburg ausfindig gemacht, die nun einem Arrangement von der Künstlerin Peggy Buth präsentiert werden.

In selbstkritischer Reflexion wird in dieser Nabelschau aber auch die Frage der Legitimität der eigenen Sammlung respektive der Restitution bedacht und in einem Beispiel der »Rettungsethnologie« dokumentiert. Noch 1961 durchforstete eine von der Stadt Frankfurt und dem Frobenius-Institut finanzierte Expedition von Museums-Anthropologen nach Papa-Neuguinea Dörfer und Siedlungen an den Ufern des Sepik, um nahezu wahllos Tonnen von Kulturobjekten der vermeintlich dem Untergang geweihten Sepiek-Kultur »in Sicherheit« zu bringen.

Ein anderer Aspekt der so vielfältig thematisierten und auf engstem Raum üppig bestückten Schau gilt unserer Wahrnehmung der ihrem oft heiligen Kontext entrissenen Projekte bis hin zu einer fast kriminalistischen fotografischen Erfassung von Masken. Für jede Art des thematischen Zugriffs haben die Museumschefin und ihre Kuratorin Yvette Mutumba eine Reihe internationaler Künstler um begleitende Inspirationen und Kommentare gebeten, die nun als Exponate oder auch Wandschriften zu sehen sind. Der Wunsch von Clémentine Delisse, dass ihre nun dritte Ausstellung die Besucher zum Immer-Wiederkommen inspirieren möge, ist wohl begründet. Das große positive Echo, das Delisse bundesweitet dafür erfährt, wird den städtischen Kulturpolitikern möglicherweise gar nicht gefallen. Die Forderung des Hauses auf eine Erweiterung galt diesen als längst beerdigt. Nun erwecken die Geister der beleidigten Völker sie zu neuem Leben.

Lorenz Gatt
www.frankfurt.de

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