»Welcome to Norway« von Rune Denstad Langlo

»Guantanamo« im hohen Norden

Was macht ein Geschäftsmann, der kein Geld hat, dafür aber Schulden und ein leerstehendes Haus? In Norwegen und dort im Norden, wo selbst Norweger eher weg- als hinziehen, nimmt er Flüchtlinge auf und lässt sie praktischerweise auch gleich das Haus renovieren. Dafür bekommt er Geld vom Staat. So jedenfalls der Plan.

Die Sache hat leider einen Haken: Primus, besagter Hotelier, den der theatererfahrene Anders Baasmo Christiansen (bisher als einziger mit allen drei norwegischen Schauspielerpreisen geehrt) großartig verkörpert, hat eine tiefe Abneigung gegen Fremde (vermutlich auch ein Grund, warum er Pleite gegangen ist). Dunkelhäutige Fremde kann er schon gar nicht leiden, und deshalb sind seine Frau Hanni und Tochter Oda bass erstaunt, als eine stattliche Anzahl von Flüchtlingen bei ihnen vor der Tür steht. Dabei fehlt es in der angedachten Herberge an verputzten Stromleitungen, an Zimmertüren, Heizung und weiteren absolut notwendigen Dingen. Unmut macht sich unter den Ankömmlingen breit, und schon bei der Aufteilung der Zimmer beginnt der Streit. Muslime wollen nicht mit Christen einen Raum teilen, Hindus nicht mit Muslimen und unter den Muslimen Sunniten nicht mit Shiiten. Viel Spaß bei der Integrationsarbeit!
Doch der Film verfolgt diese Auseinandersetzungen nicht weiter, geht es dem Drehbuchautor und Regisseur Rune Denstad Langlo doch um die Probleme, die Primus mit seiner Geschäftsidee bekommt. Weil er verzweifelt bemüht ist, nicht die Kontrolle zu verlieren, bekommt er den Ruf eines Diktators. Die Flüchtlinge bezeichnen ihr neues Zuhause als Guantanamo. Da mangelt es auch an einer vernünftigen Verpflegung: auf dem von Primus versprochenen kalten Buffet findet sich unter anderem Tiefkühlbrot, das mit einer Motorsäge zerschnitten worden ist. Würden ihm nicht einige Migranten helfen, wäre der tollpatschige Geschäftemacher hoffnungslos verloren. Unter ihnen ist der optimistische, stets bemühte Abedi (Olivier Mukuta), der als einziger Norwegisch spricht, eine unverzichtbare Hilfe für Primus. Abedi wird schnell dessen ständiger Begleiter.
Doch völlig unvorbereitet kommen die Komplikationen, die die Ausländerbehörde bereitet. Ihre Abgesandten fordern bei einem Kontrollbesuch eine anständig ausgestattete Herberge, dazu auch noch Sprachkurse und einen Kooperationsrat, sonst wird die Unterkunft nicht genehmigt, und es gibt kein Geld. Um seine mittlerweile aufgelaufenen Schulden zu bezahlen, schläft der bedrängte Herbergsvater mit der nymphomanischen Sozialarbeiterin Line (Renate Reinsve), was zu weiteren Verwicklungen führt, als Oda (Nini Bakke Kristiansen), die erwachsene Tochter von Primus, das mitbekommt. Da gibt es auch noch Ärger mit Ehefrau Hanni (Henriette Steenstrup), die das Treiben ihres Gatten bis dahin schimpfend beobachtet hat.
»Welcome to Norway« ist ein Angriff auf die Lachmuskeln der Zuschauer und, nicht immer konsequent, auf die ›political correctness‹. Viele hübsche Einfälle zum Kampf der Kulturen stehen neben allzu wohlmeinenden Stellen. Dass am Ende aus Primus und Abedi ziemlich beste Freunde werden, ist ein Zeichen der Versöhnung, wogegen man bei aller Skepsis für das Zusammenleben von Primus und seinen »Gästen« im hohen Norden keine Einwände haben sollte.

Claus Wecker

WELCOME TO NORWAY
von Rune Denstad Langlo, N 2016, 91 Min.
mit Anders Baasmo Christiansen, Slimane Dazi, Olivier Mukuta, Henriette Steensrup, Kristoffer Hjulstad, Jon Vegard Hovdal
Komödie
Start: 13.10.2016

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