Vor Macht (108)

Deutschland müsse mehr Verantwortung in Europa und der Welt übernehmen, meinen derzeit auch viele Deutsche. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler in Berlin, schrieb jüngst in der FAZ sogar, Deutschland sei bereits der Hegemon Europas, und wenn Deutschland ausfalle, stehe kein Reservekandidat bereit.
Derlei Sprüche können einen zur Verzweiflung bringen. Selbst wenn Deutschland Hegemon sein wollte (und könnte), wäre das aus demselben Grund schlecht, aus dem ihm die Rolle gut stände. Hegemonie heißt ja, Vormacht vor anderen haben; ein guter Hegemon übte diese Macht zum Nutzen aller aus, ein schlechter vor allem zu seinem eigenen. Deswegen halten viele Deutsche die Amerikaner bekanntlich für einen schlechten Hegemon. Es gibt nur keinen Grund zu der Annahme, dass wir den Job besser machen würden als die Amis.
Staaten haben vor allem Interessen. Sie werden von Politikern gelenkt, deren Interessen im wesentlichen in Erhalt und Ausweitung ihrer Macht bestehen. Da das auch für die Staaten gilt, die unter dem Einfluss der Hegemonialmacht stehen, unterstellen diese der Hegemonialmacht zu Recht eigene Interessen. Im Falle Deutschlands hieße es schnell, es verfolge dieselben Ziele wie in den beiden vorangegangenen Weltkriegen, nur mit anderen Methoden. Gleichzeitig wird von Deutschland die Übernahme der Hegemonial-Rolle als Art Wiedergutmachung für seine Kriegs-Sünden gefordert. Nur wenige Länder werden sich daher Deutschland unterordnen können. Aus diesem Dilemma kann sich Deutschland – wie in der Vergangenheit – nur herauskaufen, und zwar ohne Gegenleistung und schon gar nicht, um irgendwelche Lösungsideen durchzusetzen.
Zumal es daran auch hapert. Man hefte irgendein Problem als Frage an eine Wand, die gefundenen Antworten an eine andere. Die eine wäre mit Zetteln übersät, die andere nur solange, bis jemand alle unsinnigen entsorgt hätte. Nehmen wir die EU, das Europroblem, Griechenland, Ukraine, Energiewende, Endlager, Geburtenrückgang, Asyl- und Flüchtlingssorgen, Islamischer Staat, Schulreformen, Gendermainstreaming – wir können jedes Problem einwandfrei benennen und solange darüber quatschen, bis sie entweder unlösbar geworden sind – wie die Endlagerfrage – oder es keine Rolle mehr spielt (»Langfristig sind wir alle tot«).
Und wenn vorher jemand die Nase aus seinem Loch steckt wie Till Schweiger in der Flüchtlingsfrage, haut sofort eine andere Rotznase drauf – wie Herr Tichy, der twitterte, ob Schweiger wohl besoffen gewesen sei und was Griechenland mit Flüchtlingen zu tun habe. Dem Herrn sei geholfen: mit einem Teil der 86 Milliarden, die Europa nun ohne erkennbaren Nutzen an die Griechen zahlt, könnte ein profunder Beitrag zur Lösung des Flüchtlingsproblems geliefert werden. Worin immer dieser bestünde.

Kurt Otterbacher

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