»Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika« von Maria Schrader

Der traurige Pazifist

Mit der Darstellung berühmter historischer Figuren im Film ist das so eine Sache. Manchmal kann man sich nur schwer ein Lachen verkneifen, wenn ein Schauspieler mit »Herr Goethe« oder »Herr Beethoven« angeredet wird. Dagegen ist es eine große Qualität von »Vor der Morgenröte«, dass von Anfang an keine Bedenken aufkommen: Dieser Josef Hader auf der Leinwand ist Stefan Zweig. Da gibt es keinen Zweifel.

Gewiss konnte Maria Schrader, die nach »Liebesleben« zum zweiten Mal Regie geführt hat, von ihrer Erfahrung als Schauspielerin profitieren. Sie lässt den Zuschauern zunächst einmal Zeit, sich in die Geschichte einzufinden, und gibt den Schauspielern genügend      Raum. Eine lange Einstellung zeigt einen großen Tisch, der mit üppigem Blumenschmuck verziert und für ein festliches Mahl gedeckt wird. Die ersten Gäste kommen herein, manche in Gespräche vertieft. Einer von ihnen ist, so heißt es, der berühmte Schriftsteller Stefan Zweig, dem einige der anwesenden Honoratioren persönlich vorgestellt werden.
Nun hätte der Film trotz dieser sehr einfühlsamen Introduktion noch schiefgehen können, wenn ein anderer als Josef Hader die Rolle übernommen hätte. Und das ist die große Überraschung in diesem Film: die Verwandlung des Josef Hader, der bisher eher als Kabarettist und trotteliger Detektiv bekannt geworden ist, in den berühmten österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig. Mit leicht gekrümmten Rücken, ernster Miene und distanzierter Freundlichkeit tritt er auf, wenn er geehrt und verehrt wird. Und mit unerschütterlicher Bestimmtheit verweigert er sich politischen Stellungnahmen zur Naziherrschaft in Deutschland. »Ich werde nicht gegen Deutschland sprechen. Ich würde nie gegen ein Land sprechen. Und ich mache keine Ausnahme.«
Das sagt ein Mann, der als jüdischer Schriftsteller in Deutschland mit Publikationsverbot belegt ist und das Land verlassen hat, bevor ihm Schlimmeres widerfahren konnte. Bei einem Schriftstellerkongress in Buenos Aires erklärt der Pazifist: »Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.« Statt antifaschistischer Statements bedankt er sich bei seinen Gastgebern über die freundliche Aufnahme,  etwa bei dem brasilianischen Außenminister im Jockey Club in Rio de Janeiro, in jener Szene am Anfang, oder später bei einem Bürgermeister in der brasilianischen Provinz während eines improvisierten Empfangs auf einer Fazenda. Dort spielt ein Blasorchester mehr schlecht als recht den Donauwalzer, und Zweig amüsiert sich zunächst, um bald von Rührung übermannt zu werden.
In New York kommt es zu einer Auseinandersetzung mit seiner Ex-Frau Friderike (Barbara Sukowa), die ihm die Bittbriefe aus Deutschland vorliest. Er fühlt sich überfordert, wenn er bei Visa-Anträgen helfen soll, wo er doch selbst nur geduldet ist. Im brasilianischen Petrópolis scheint er mit seiner zweiten Frau Lotte (Aenne Schwarz) endlich zur Ruhe zu kommen. Aber es ist eine trügerische Ruhe, die der Emigrant in den Tropen gefunden hat. Der Film endet mit einer grandiosen Szene, in der das Paar tot aufgefunden wird. Mit welchem Einfühlungsvermögen und welcher visuellen Raffinesse »Vor der Morgenröte« das verzweifelte Ende von Lotte und Stefan Zweig zeigt – auch das macht den Film sehenswert.

Claus Wecker

VOR DER MORGENRÖTE – STEFAN ZWEIG IN AMERIKA
von Maria Schrader, D 2016, 106 Min.
mit Josef Hader, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz, Matthias Brandt, Charly Hübner, Jane Chirwa
Drama
Start: 02.06.2016

Am Montag, d. 6. Juni, um 19 Uhr wird Regisseurin Maria Schrader ihren Film in der Harmonie am Lokalbahnhof vorstellen. Wir verlosen dazu 10 x 2 Freikarten. Rufen Sie uns am selben Tag, also am 6. Juni, ab
10 Uhr unter der Tel.-Nr. 069/97 07 41 99 an.

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