Vergiss mein nicht (Start: 31.1.2013)

Vergiss mein nichtDas habe ich noch nicht gehört

»Vergiss mein nicht« von David Sieveking

Eine Demenz verändert alles, nicht nur für den Erkrankten. Auch den Angehörigen steht eine schwere Zeit bevor – wie in der Familie des Filmemachers David Sieveking. Mit der Filmkamera hat er die Erkrankung seiner Mutter dokumentiert. Für das Ergebnis bekam er den Hessischen Dokumentarfilmpreis und die Auszeichnung für den besten Film in der »Semaine de la critique« beim Filmfestival von Locarno.

Wenn David Sieveking etwas beherrscht, dann ist es der persönliche, filmische Bericht, ein Mischform aus Dokumentar- und Essayfilm. In »David Wants to Fly« verband er seine Bewunderung von David Lynch mit einer Untersuchung der fragwürdigen Beziehungen des Regisseurs zu Maharishi Mahesh Yogi und seiner merkwürdigen, die Transzendentale Meditation praktizierenden Sekte. Der Film wurde eine höchstvergnügliche Entzauberung eines großen Vorbildes, die manchem Lynch-Fan übel aufgestoßen sein dürfte.

Als bekannt wurde, daß Sieveking einen Film über seine an Alzheimer erkrankte Mutter gedreht habe, durfte man sich auf einen originellen Beitrag zu einem immer relevanter werdenden Thema gefaßt machen. Dabei ist der Anfang von »Vergiss mein nicht« recht konventionell geraten. Anhand von alten Fotos und Dokumentarmaterial blickt der Sohn zurück auf die Jugendzeit der Eltern. Beide waren aktiv in der 68er Studentenbewegung, sie führten ein »offene Ehe«, was vor allem vom Gatten Malte zu mehreren, durchaus intensiven Liebschaften genutzt wurde, während Mutter Gretel die Familie zusammengehalten hat. Daß sie unter den Eskapaden ihres Mannes gelitten hat, wird Malte erst bewußt, wenn er die Tagebücher seiner Frau liest.

Als David in sein Elternhaus nach Bad Homburg kommt, trifft er auf seinen Vater, einen Mathematikprofessor im Ruhestand, der mit der Pflege seiner zunehmend verwirrter werdenden Ehefrau überfordert wirkt. Also übernimmt David für eine gewisse Zeit die Pflege, und der Vater fährt in Urlaub.

Sievekings Trick besteht nun darin, daß er die für Kamera und Ton Verantwortlichen, die er im Schlepptau führt, ausblendet und den Zuschauern das Gefühl vermittelt, er sei allein mit seiner Mutter. So entsteht ein ungemein persönlicher Film, der auch die eher amüsanten Szenen nicht ausspart. Die Verwechslungen – der Sohn wird zum Ehemann, der Mann wird zum Vater – haben neben dem tragischen ja auch einen komischen Aspekt, ebenso der Satz »Das habe ich noch nicht gehört«, mit dem die Kranke ihre Gedächtnislücken zu verdecken sucht. Überhaupt gelingen ihr schöne Sätze, die aus einer vergangenen Zeit zu stammen scheinen.Vergiss mein nicht

Dennoch, die Beziehungen werden intensiver und verkehren sich: belehrte und behütete einst die Mutter ihren Sohn, so ist heute der Sohn um die Mutter bemüht. Trotzdem bleibt sie die Chefin im Haus. Auch das wird im Film deutlich.

David unternimmt eine Reise mit seiner Mutter nach Stuttgart, ihre Heimatstadt, wo ein Besuch der Schwester ihre Erinnerung weckt, und in die Schweiz, um Malte abzuholen. Die Beziehung zwischen Malte und Gretel gewinnt an Tiefe. Malte gibt seine Frau in ein ziemlich luxuriöses Seniorenheim, holt sie aber bald nach Hause zurück. Gretels Demenz ist ein schwerer Schicksalsschlag, und »Vergiss mein nicht« zeigt, daß eine intakte Familie ihn auch verkraften kann.

Claus Wecker

 

VERGISS MEIN NICHT
von David Sieveking, D 2012, 88 Min.
Dokumentarfilm / Start: 31.01.2013

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