Über-Ich und Du (Start: 8.5.2014)

Über-Ich und Du (Start: 8.5.2014)Schon sein Langfilmdebüt »Der Schläfer« (2005) sollte eine Komödie werden. Doch dann entschied sich Benjamin Heisenberg aus der Geschichte eines Wissenschaftlers, der für den Verfassungsschutz einen algerischen Kollegen bespitzelt, ein Polit-Drama über die Nachwehen des 11.9.2001 zu machen. Aber nach seinem skurrilen Bankräuber-Porträt »Der Räuber« – dem bisher wohl kinotauglichsten Film der sogenannten »Berliner Schule«, die böse Zungen gerne als »filmische Klippschule der Nation« bezeichnen – wagt er sich nun als erster seiner »Klassenkameraden« an eine Komödie.

Aber wie der Titel schon ahnen lässt, so ganz können sich Heisenberg und sein Co-Autor Josef Lechner nicht von der Eigene-Befindlichkeits-Manie ihrer »Schule« lösen. In beiden Hauptfiguren ihres Films steckt (auto-)biographisches. Lechner hat zeitweilig mit einem gebildeten, älteren Mann zusammengelebt und in dieser Zeit davon gelebt, Bücher billig zu erstehen und teuer weiter zu verkaufen. Und dem Großvater des Regisseurs, dem Physiker Werner Heisenberg, der 1932 für seine Entdeckung der Unschärferelation den Nobelpreis erhielt, wurde oft seine Zusammenarbeit mit dem Nazi-Regime zum Vorwurf gemacht.

Es beginnt wie in der »Lindenstraße«: Ein Blick auf das Stadt-Panorama gaukelt den Handlungsort München vor, doch dann spielt alles im undefinierbaren Nirgendwo der durch Filmförderungs-Richtlinien vorgegeben Drehorte. Irgendwo am Starnberger See steht der feudale Bungalow des gehbehinderten und schon Demenz-nahen Psychoanalytikers Curt Ledig, der sich immer noch wegen seiner Nazi-Vergangenheit »schuldig« fühlt. Ehe er dies bei einem Kongress zur Sprache bringen will, soll er aber erstmal mit der Familie in Urlaub fahren und den Bungalow einem House-Sitter überlassen. Doch statt diesem erscheint der Einbrecher Nick auf der Bildfläche, um im angeblich schon verwaisten Haus Bücher zu stehlen. Ledigs Tochter hält ihn für den Angeforderten, weist ihn in seine Pflichten ein, währenddessen Ledig aus einer Laune heraus beschließt, doch zu Hause zu bleiben und Nick als Betreuer und Chauffeur dazubehalten. Nick, ohnehin auf der Flucht vor seinen Gläubigern, lässt sich auf das Spiel ein. Zwischen dem im Linzer Arbeiter-Milieu aufgewachsenen Kleinganoven und dem bourgeoisen Professor entwickelt sich nun eine seltsame Freundschaft, die sogar die Küchen-Phobie des Professors auf seinen Betreuer überspringen lässt. Schließlich beginnen sich beide mit Mutterwitz und „Nazi-Voodoo “gegenseitig zu therapieren …

Herausgekommen ist »Ziemlich beste Freunde« im intellektualisierten Gewand der »Berliner Schule«. Von Heisenbergs Haus-Kameramann Reinhold Vorschneider in Leinwand-füllende Bilder getaucht und lustvoll interpretiert von zwei Vollblutschauspielern. Georg Friedrich gibt mit seinem proletarisch- österreichischen Dialekt und seiner immer etwas aggressiv wirkenden Körpersprache den kleinkriminellen Lebens-Künstler, den seine Teilzeit-Geliebte und Hehlerin mal als »Promenaden-Mischung aus Kanal- und Lese-Ratte« bezeichnet. So perfekt er einerseits seinen zwielichtigen Charakter herüberbringt, so wenig glaubt man andererseits, dass Ledigs Tochter bei seinem plötzlichen Auftauchen nicht misstrauisch wird. Der mit französischem Akzent sprechende Elsässer André Wilms wirkt da von der Rollenbesetzung her passender, bringt überzeugend seinen schon in den Kaurismäki-Filmen »La vie de bohème« und »Le Havre« gepflegten, naiv-hintergründigen Humor zur Geltung. Auch mit einigen Sidekicks, wie der »Mutter« (herrlich schräg: Maria Hofstätter) eines bizarren Buchversand-Gangstersyndikats und ihren »stummen« Eintreibern gelingt es Heisenberg, die Story mit grotesken Figuren bzw. amüsanten Slapstick-Momenten zu würzen, während Ledigs Familienangehörige etwas hölzern daherkommen. Auch unterläuft Heisenberg die für eine Komödie notwendige Leichtigkeit immer wieder durch geradezu bedeutungsschwanger inszenierte Szenen, wie die des (auf eigenen Erfahrungen basierenden) Familienabend, an dem man sich mit verteilten Rollen Theaterstücke vorliest. Wenn auch bei dem Versuch, die einst von Buster Keaton über Jerry Lewis bis hin zu Jacques Tati perfektionierte Kunst, im Bild versteckte oder im Hintergrund stattfindende Skurrilitäten einzubauen, nicht immer das richtige Timing gelingt, so ist doch »Über-Ich und Du« eine intelligente deutsche Komödie jenseits von Til Schweiger und »Fack ju Göhte«.

Rolf-Ruediger Hamacher

ÜBER-ICH UND DU
von Benjamin Heisenberg,
D/CH/A 2014, 100 Min.
mit André Wilms, Georg Friedrich, Susanne Wolff, Margarita Broich, Bettina Stuck
Drama
Start: 08.05.2014
Läuft im: Harmonie

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