»Triple 9« von John Hillcoat

Scorsese auf Speed

Mit schnell geschnittenen Zeitungsschlagzeilen, Entführungsopfern in einem Kofferraum und einem Bankraub beginnt »Triple 9«. Dazu erscheinen noch die Namen der Schauspieler und der Crew im Bild. So ein Anfang verlangt Konzentration beim Zuschauer – und weckt hohe Erwartungen. Wie ist da noch eine Steigerung möglich? Die Antwort: mit einer atemlosen Erzählweise.

Martin Scorsese und der hierzulande leider kaum bekannte James Gray – um nur zwei Regisseure zu nennen – haben sich intensiv mit der Unterwelt in US-amerikanischen Städten beschäftigt. John Hillcoat, der bislang nur mit dem eindrucksvoll düsteren Endzeitdrama »The Road« in die deutschen Kinos gekommen ist, hat jetzt einen Thriller gedreht, der grimmiger und schneller als die der besagten Filmemacher. Scorsese auf Speed.
In »Triple 9« spielen sich brutale Kriegsszenen auf Atlantas Straßen ab. Schießereien mit automatischen Feuerwaffen, ein Auto wird auf der Stadtautobahn in die Luft gejagt. Wachpersonal wird hinterrücks erschossen. Es sind Taten einer russisch-jüdischen Mafia, die Angst und Schrecken verbreitet. Während der Boss Vassili Vlaslov im Gefängnis sitzt, hat seine Frau Irina die Führung übernommen. Kate Winslet spielt sie dämonisch-verführerisch, als würde ihr die Bösewicht-Rolle zur Abwechslung einen Heidenspaß bereiten. Irina geht buchstäblich über Leichen. Sie hat es auf Dokumente abgesehen, die in einem Banksafe lagern. Mit welch brachialen Methoden diese beschafft werden, zeigt der Film zu Beginn. Das Perfide dabei: Neben Profigangstern erledigen auch korrupte Polizisten Irinas Geschäfte.
Anführer des Bankräuber-Trupps ist Michael Atwood (Chiwetel Ejiofor), der mit Irinas Schwester, der schönen Elena (Cal Gadot) liiert ist. Ihr gemeinsamer kleiner Sohn befindet sich in der Obhut Irinas, die den Afroamerikaner Michael verachtet und vor der Auszahlung des Lohnes eine neue Aufgabe von ihm verlangt: den Überfall auf die Behörde für öffentliche Sicherheit. Dort lagern weitere wichtige Dokumente, die Irina in ihren Besitz zu bringen sucht. Michael ist unentschlossen, wird von seinen verärgerten Komplizen des Betruges verdächtigt und willigt schließlich ein, auch um seinen Sohn nicht zu verlieren.
In einem weiteren Erzählstrang geht es um die ermittelnde Polizei. Der unbestechliche Sergeant Detective Jeffrey Allen, von Woody Harrelson in »True Detective«-Manier gespielt, soll den Bankraub aufklären, ahnt aber bald auch, dass ein neuer Coup bevorsteht und sein Neffe Chris Allen (Casey Affleck) bedroht ist. Chris, der als aufstrebender junger Polizist bisher seinen Dienst in einem ruhigen Stadtteil versehen hat, ist in die gefährliche Innenstadt versetzt worden und hat zu allem Unglück ausgerechnet Marcus Belmont (Anthony Mackie), der gerade an dem Bankraub beteiligt war, als neuen Partner zugeteilt bekommen.
Regisseur Hillcoat macht es dem Zuschauer nicht leicht, der Handlung zu folgen. Vieles wird kurz angerissen (Schnitt: Dylan Tichenor). Auch der Blick auf das faszinierende nächtliche Atlanta ist ruhelos (Kamera: Nicolas Karakatsanis). Wer in diesem hervorragend besetzten Ensemblefilm ist Gangster, wer ist Cop und wenn Cop, dann ein zuverlässiger? »Triple 9« ist ein atemloser Kriegsfilm aus einer amerikanischen Großstadt. Nur der Notruf, die dreifache Neun, funktioniert immer noch.

Claus Wecker

TRIPLE 9
von John Hillcoat, USA 2015, 109 Min.
mit Casey Affleck, Chiwetel Ejiofor, Anthony Mackie, Aaron Paul, Woody Harrelson, Kate Winslet
Thriller
Start: 05.05.2016
LÄUFT IM:
KINOPOLIS | METROPOLISE-KINO

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