Thriller von Lee Child, Jerome Charyn, Carl Nixon und Gary Dexter

Eine Stimme aus Virginia

Mitten im Winter ist Jack Reacher in dem kleinen Kaff Bolton in South Dakota gelandet. Vom ersten Satz an tickt eine Uhr in »61 Stunden«, Lee Childs vierzehntem Thriller mit dem ohne Gepäck und Verpflichtungen durch Amerika trampenden Ex-Militärpolizisten Jack Reacher. Seit dieser ungewöhnliche, super-taffe Ermittler 1997 mit »Killing Floor« (deutsch als »Größenwahn«, 1998) die Bühne betrat, hat Lee Child jedes Jahr einen klasse Spannungsroman vorgelegt – eine reife Leistung. Man merkt den Büchern an, wie sehr der vom Fernsehen kommende und filmerfahrene Child Spaß beim Schreiben und an der Auflösung eigentlich unmöglicher Szenen hat.

Als abgebrühter Thrillerfan, der das Genre eigentlich schon beinahe aufgegeben hatte, bin ich immer wieder verblüfft, was Lee Child einfällt. In »61 Stunden« etwa singt er das Loblied der guten alten Büchereien, verkörpert in der aufrechten alten Dame Janet Salter, die viel Zivilcourage zeigt und von Reacher beschützt wird. Beide machen sie keine großen Worte um solche Art Mut. »Man entscheidet sich dafür oder dagegen. Das ist alles«, fasst Reacher zusammen, der im Zuge seiner Ermittlungen – es geht um die Überbleibsel von Ausrüstung aus der Zeit des Kalten Krieges – dann aber anderswo gesprächig(er) wird. Nämlich in den Telefonaten mit einer richtig coolen Frau, mit Major Susan Turner, seiner Nachfolgerin bei seiner ehemaligen Militäreinheit nahe Washington. Wie die besten Screwball-Dialoge zwischen Lauren Bacall und Humphrey Bogart lesen sich Reachers Unterhaltungen mit der »Stimme aus Virgina«, die – ein netter erzählerischer Kniff – sich die Personalakte Reachers kommen lässt und so uns Lesern allerlei Lücken im Lebenslauf des Serienhelden auffüllt.

Die Konstellation Susan Turner & Jack Reacher hat übrigens so viel Potential, dass Lee Child daraus mittlerweile eine Tetralogie gemacht hat. Wer Reacher auf Englisch liest, ist hier (schon) klar im Vorteil. Denn die deutschen Übersetzungen hinken um vier Romane hinterher, einige Verlagswechsel und eine seltsame Verlagspolitik sind schuld daran. Der Blanvalet Verlag legt inzwischen einen Zacken zu, aber deutsche Leser müssen eben noch auf »Worth Dying For«, den Ausflug in Reachers Anfänge in »The Affair« und noch »A Wanted Man« warten, bis es dann in dem in diesem Herbst in England und USA erschienenen »Never Go Back« endlich zum Zusammentreffen von Turner mit Reacher kommt. Bis dahin bleibt sie eine Herausforderung am Telefon, »die Stimme aus Virginia«. Wenn Reacher sie dann aber in »Never Go Back« trifft, beide übrigens als Gefangene in einem Militärgefängnis, aus dem er natürlich mit ihr ausbricht, wird er sich dieser Frau wegen immer wieder in den Arm zwicken und sich sagen: »Well worth the wait.«

Ein Überlebender eigener Prägung ist auch Isaac Sidel, der Cop aus der New Yorker Bronx. Der mit einer polymorphen Imagination gesegnete Schriftsteller Jerome Charyn, der uns schon Isaac Babel, Emiliy Dickinson und gerade die Stimme von Abraham Lincoln gab, hat nach über einem Jahrzehnt den 1974 mit »Blue Eyes« begonnenen erzählerischen Faden wieder aufgenommen und setzt die bewusstseinserweiternde Saga mit und um Isaac Sidel nun »Unter dem Auge Gottes« fort. Sidel ist inzwischen Vizepräsident der Vereinigten Staaten, was ihn unter anderem nach Texas, zurück in die Geschichte der jüdischen Mafia und unter, sogar für seine Verhältnisse, seltsame Leute bringt. Es ist eine eigene, urbane Mythologie, an der Charyn in seinen Isaac-Sidel-Romanen schreibt. Wer Lust auf die literarischen Grenzerfahrungen des Kriminalromans hat, findet in Charyn den vornehmsten und wildesten Vertreter. Da ist es nur richtig, dass »In the Eye of God« in einer nagelneuen, ambitionierten Krimi-Reihe erscheint: als erster Band der von Thomas Wörtche herausgegeben Reihe »Penser Pulp« im feinen Philosophie-Verlag Diaphanes (Zürich-Berlin). Übersetzt wurde »Unter dem Auge Gottes« von Jürgen Bürger, einem Garanten, dass solch ein Buch auch durch und durch lesbar bleibt.

Im Doppelpack mit dem Charyn-Roman hat Diaphanes einen sehr, sehr schrägen viktorianischen Kriminalroman herausgebracht: Gary Dexters »Der Marodeur von Oxford«. Übersetzt von der selbst literarisch beschlagenen Zoe Beck (gerade ist ihr Thriller »Brixton Hill« bei Heyne erschienen), klären die Ermittler Dr. Henry St. Liver und Olive Salter in dem viele Purzelbäume schlagenden Roman Fälle einer sehr spezifischen Art auf. Nämlich solche aus der »Psychopathia sexualis«. Kontrastiert mit dem viktorianischen Zeitgeist, stellen die sich über den Abgründen der Pornographie balancierenden Geschichten auch unsere heutige Prüderie auf die Probe.

Und dann ist da noch ein weiteres Stück Nachhaltigkeit zu begrüßen. Ein Erfolg und eine Entdeckung der letztjährigen Buchmesse mit dem Gastland Neuseeland war der Kriminalroman »Rocking Horse Road«, der vier Monate auf der KrimiZEIT-Bestenliste stand. Der Bonner Weidle Verlag hatte eine astreine, ungewöhnlich sorgsam und schön ausgestattete deutsche Übersetzung vorgelegt. Nun war Carl Nixon wieder mit einem Buch auf der Buchmesse, ging danach auf Lesereise in Deutschland. Wieder ist es der Weidle Verlag, der uns Carl Nixons »Settlers Creek« zugänglich macht. Der Roman blättert anlässlich der Bestattung eines 19jährigen Selbstmörders die neuseeländische Gesellschaft auf. Der Klappentext von Witi Ihimera, dem Autor von »Whale Rider« ist eigentlich nicht zu übertreffen: »Mit seiner Rasanz, Kühnheit und Konsequenz ist ›Stellers Creek‹ von Carl Nixon einer der besten neuseeländischen Romane der letzten Jahre: nicht nur ein packender Thriller, sondern zugleich die schonungslose Durchleuchtung eines Landes und seiner Kultur. Also genau die Art von Buch, für die man aus der Stadt gejagt wird.«

Alf Mayer

 

– Lee Child: 61 Stunden. Ein Jack-Reacher-Roman. München: Blanvalet Verlag, 2013. 448 Seiten, 19,99 €

– Jerome Charyn: Unter dem Auge Gottes. Zürich-Berlin: Penser Pulp im Diaphanes Verlag, 2013. 256 Seiten, 16,95 €

– Gary Dexter: Der Marodeur von Oxford. Zürich-Berlin: Penser Pulp im Diaphanes Verlag, 2013. 304 Seiten, 16,95 €

– Carl Nixon: Settlers Creek. Bonn: Weidle Verlag, 2013. 344 Seiten, 23 €

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