Theaterperipherie: »Ich rufe meine Brüder«

theater_peripherie_Ich-rufe-meiner-Brüder_1-Seweryn-ZelaznyVon Haut aus verdächtig

Unsere Wahrnehmung davon, was wahr und wirklich sein könnte oder nicht, hat sich seit den Enthüllungen Edward Snowdens deutlich verändert. Schon darum fällt es schwer, Amor, der Hauptfigur des schwedischen Theaterstücks »Ich rufe meine Brüder«, eine handfeste Paranoia zu attestieren, weil er sich nach einem Bombenattentat in seiner Stadt plötzlich als Gejagten und Verdächtigen wähnt.
Sein Schöpfer Jonas Hassan Khemiri hat seine von autobiografischen Erfahrungen getränkte Figur als Alter Ego an die Rampe geschickt, um uns fühlen zu lassen, was sich an Angst, aber auch an Wut und Hass in jemandem anstaut, der von Haut aus im Fokus eines erklärten, wie des subtilen alltäglichen Rassismus steht. Anlass zum Stück gaben dem Sohn einer Tunesierin und eines Schweden die staatlichen Reaktionen auf ein Bombenattentat 2010 in Stockholm.
Amor wird, nachdem er die Nachricht von der Bombe hört, von seinen Gedanken überrollt und fortgerissen. Seine Schwester, seine Großmutter, seine große Liebe Valeria und sein Kumpel Chavi treten darin auf. Erinnerungen an die Kindheit, die Zeit in der Schule und danach, vermengen sich mit Beobachtungen in der Stadt. Wut und Panik wechseln, Amor mahnt seine »Brüder«, sich still zu verhalten, und stachelt sie –  »Jetzt geht es los« – dazu an, loszuschlagen. Was von all dem real sein mag, was eingebildet, bleibt offen. Amor zieht sogar den Schluss, dass er selbst diese Bombe gelegt haben muss.
Ute Bansemir hat »Ich rufe meine Brüder« an der sich als Bühne für postmigrantische Themen definierende »theaterperipherie« inszeniert und damit die im Frühjahr zur Biennale in Wiesbaden (Strandgut 5/2014) gezeigte schwedische Urfassung mit Leichtigkeit hinter sich gelassen. Dass diese wörtlich zu nehmende Leichtigkeit vor allem dem Spiel von Hadi Khanyanpour geschuldet ist, wird Kenner des von Alexander Brill gegründeten Ensembles kaum überraschen. Der 1982 in Teheran geborene Sohn iranischer Flüchtlinge, der mit Bansemir auch die Nachfolge seines Entdeckers in der Geschäftsführung angetreten hat, ist ein Glücksfall für das Ensemble, aber auch für die gesamte Theaterszene der Stadt.
Khanyanpour weiß mit seinem variablen Spiel über die gegensätzlichsten Gefühlslagen hinweg eine fast natürliche Authentizität zu wahren und entpuppt sich in seinen langen monologischen Passagen als fesselnder Erzähler. Packend sein inneres Fechten um eine angemessene Reaktion, zum Brüllen schön sein Versuch, einen vermeintlichen »Bruder« an der Kasse eines Ladens zum Austauschen eines kaputten Bohrkopfs zu überreden. »Hast du Bruder gesagt?«  Rührend, wie er zum Stalker degradiert bei Valeria abblitzt. Herzig, wie er an seinem Kumpel Chavi hängt, konsternierend, wie er uns mitnimmt auf die empfundene Hatz in der Stadt. Trotz dieser Präsenz sind seine Partner auf der Bühne weit mehr als nur Stichwortgeber: urwüchsig und kantig Silvana Morabito (Großmutter, Schwester), lebhaft und schräg Alireza Zainal Zadeh als Kumpel Chavi und erfrischend Kathleen Witt als Nathalie und Telefonfrau vom Tierschutzverein.

Winnie Geipert (Foto: Seweryn Zelazny)
Termine: 5., 17., 28. November, jeweils 19.30 Uhr, www.theaterperipherie.de

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