Theaterhaus bringt Kinder in »Gute Reise« von Mali nach Italien

Juve im Kopf und Sand an den Füßen

Mali liegt in Afrika. In Mali gibt es kein Meer. Aber eine Vorstellung davon hat man schon. Und Tarek, der kleine schwarze Junge von dort, weiß auch, wie es aussieht: eine stille, blaue Fläche, schön, weit. Um nach Italien, zu kommen, zum Beispiel nach Turin, zu Juventus, muss man übers Meer. Und schwimmen sollte man können. Vorher aber durch das Sandmeer, die Wüste. Und »wenn du Muscheln im Sand siehst, weißt du, du bist am Meer angekommen«, sagt man ihm. Tareks Reise quer durch Afrika und über das Mittelmeer lässt uns Sigi Herold nachvollziehen. Tarek hat es geschafft, das erfahren wir gleich zu Anfang, der sizilianische Fischer Salvatore hat ihn aus dem Wasser gezogen und gerettet.
»Gute Reise« heißt das kleine Stück von Claudio Simeone, das Detlef Köhler mit einfachen Mitteln und einem liebevoll zugewandten Erzähler Sigi Herold in Szene gesetzt hat. Auf einem hölzernen Paravent ist schnell die Route durch Afrika aufgemalt. Und mit schlichten, eingängigen Bildern werden die Stationen und Mühen dieser Reise den jungen Zuschauern nahe gebracht. Stellt euch vor, sagt Herold, ihr sitzt ohne Halt auf dem Führerhaus eines Lastwagens, von dem man keinesfalls runterfallen darf, denn niemand wird anhalten und euch aufsammeln. Weiter durch die Wüste, stellt euch vor, Sand allüberall, im Gesicht, in den Ohren, im Mund. Und dann werdet ihr kontrolliert von keinesfalls freundlichen Soldaten, die einem nicht nur das letzte Geld, sondern auch noch die roten Fußballschuhe abpressen wollen!
Kleine Requisiten genügen, die Phantasie der jugendlichen Zuschauer anzuregen: Ein Spielzeugkipplaster mit 150 (nachgezählt!) Bauklötzchen, eine Sturmlampe, ein Wasserkanister (Bühne: Motz Tietze). Entfernungen werden erfahrbar: stellt euch vor, 60mal von Frankfurt nach Heidelberg, zu Fuß! Und endlich das Meer, bei Tripolis, mit 300 Menschen in einem Boot, bis nach Sizilien sind es noch 300 km. Aber das Meer ist gar nicht still und freundlich, sondern schwarz und stürmisch. Wie gut, dass Tarek schwimmen kann, als das Boot kentert! Doch ohne den großen Traum vom Fußball und den Fischer Salvatore hätte er es nicht geschafft. Andere, so das Schlussbild, hatten nicht so viel Glück.

Freundlich und eindringlich erzählt Sigi Herold die Geschichte dieses Aufbruchs. Kein bisschen larmoyant oder mit moralischem Zeigefinger knüpft er an das Wissen seines jugendlichen Publikums an, führt es in langen Gängen durch die Wüste, lässt es auf dem Lastwagen mitzittern. Und wenn man das Theaterhaus in der Schützenstraße verlässt, gewinnt neben den tagesaktuellen Schreckensnachrichten Mesut Özals Botschaft an den Plakatwänden eine neue Bedeutungsvariante: »Wenn du willst, kannst du alle besiegen: den Druck, die Erwartungen, die Schwerkraft«. Hoffentlich. Sehr sehenswert. Auch für begleitende Eltern.

Katrin Swoboda (Foto: © Katrin Schander)
Termine: 22. Mai, 14.30 Uhr; 23., 24., 29., 30. Mai, 9.30 Uhr; 28. Mai, 11 Uhr
www.theaterhaus-frankfurt.de

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