Theater Willy Praml spielt Goethes »Iphigenie«

Einsam auf der Krim

Nein, sie will sich nicht integrieren. Bei aller Dankbarkeit für das Gastland. Selten geht einem eine so bekannte Rede so nah, wie der Eingangsmonolog von Goethes »Iphigenie auf Tauris«, mit dem  Birgit Heuser wunderbar nachdenklich, mit Bedacht und ohne falsches Pathos die Inszenierung Willy Pramls in der Naxoshalle eröffnet: »Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern / Ein einsam Leben führt.“
Denn Iphigenie ist einem tödlichen Schicksal entronnen und bekleidet auf Tauris unter dem Schutz des Herrschers Thoas den Posten der Tempeldienerin der Diana. Ein Blumenkranz schmückt ihr Haar, doch trägt sie über einem engen Glitzerkleid, wie es auf der Insel (die heutige Krim!) so Sitte ist, Military-Look. Das tun auch König Thoas (Michael Weber), der sie unbedingt zur Frau haben will, und sein Berater Arkas (Jakob Gail). Doch Iphigenie zuliebe, die sich westlichen Werten verpflichtet fühlt, setzen sie gar das Inselgesetz außer Kraft, das der Tempelherrin vorschreibt, alle Fremden, die es an die Küste von Tauris verschlägt, der Göttin zu opfern.
»Kann Humanität den Schrecken dieser Erde überwinden?« setzt Willy Praml als Frage unter den Stücktitel. Denn obwohl Iphigenie Thoas abblitzen lässt und der sie verärgert wieder zum Töten verdammt, gelingt es ihr, den Barbaren von ihren Idealen zu überzeugen. Mit einem »So geht!« und einem »Leb wohl!« lässt Thoas nach langem Hin und Her nicht nur seine Wunschfrau ziehen, sondern auch ihren inzwischen auf Tauris gestrandeten Bruder Orest und dessen Freund Pylades.
Auch die beiden griechischen Ankömmlinge werden von Weber und Gail dargestellt, die sich mit Strickpulli, Mütze und Sneaker statt Springer-Stiefeln blitzschnell in smarte Boys verwandeln. Die Rachegeister, die Orest seit dem Mord an seiner Mutter verfolgen, treten bei Praml in schwarzweißer Schuluniform  auf. Die Klasse 6c der Helmholtzschule setzt in einer herrlich abgezirkelten Choreografie den Kinderhit »Erzähl mal, wie war’s« in Szene und heilt mit ihrer das Vergangene vergessen machenden Schau sogar Orest.
Mit einem schnöden »Leb wohl!« gibt sich Pramls Iphigenie allerdings nicht zufrieden. Sie hat sich schon vorher – eine nachdenkliche Zigarettenlänge auf der Toilette lang (wunderbar mit einer Life-Scam festgehalten) – dazu entschieden, nicht einfach abzuhauen, sondern auf Versöhnung zu beharren. »Nicht so«, sagt sie deshalb immer wieder bis zuletzt.
Wie so oft bei Pramls wird die Na-xoshalle großartig genutzt. Eine gläserne Wand schirmt den inneren Handlungsraum ab – und schützt so vor Außenkälte. Beherrscht wird die Hallenmitte vom geretteten Theaterportal der ehemaligen Städtischen Bühnen, das den Eingang zum Tempel der Diana markiert, während wir uns dahinter im Dunkelblau das Meer, die Rettung, die Heimat imaginieren.
Die Schauspieler: ganz dem Text hingegeben, das klassische Versmaß spannungsvoll wahrend, eine großartige Birgit Heuser, bei der Verzweiflung und Gewissensqualen und Entschiedenheit zu eindringlich sprachlicher Überzeugungsarbeit werden. Auch die Kinder der 6c legen einen unglaublich präzisen Auftritt hin und sprechen später – als Sprachrohr der Göttlichen – auch noch leise und eindringlich das Lied der Parzen. Eine großartige Inszenierung. 

Katrin Swoboda (Foto: © Seweryn Zelazny)
Termine: 15., 16., 17., 21., 22., 23., 28.,  29., 30. April, Fr./Sa. 20 Uhr, So. 18 Uhr.
www.theater-willypraml.de

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