Theater Skyline: »Das Orangenmädchen« im Gallus Theater

Gallustheater: Orangenmädchen (Foto: Theater Skyline)Rührend, aber nicht erschütternd

Außergewöhnlich! Das umschreibt die Aufführung von »Das Orangenmädchen« im Gallus-Theater wohl am besten. Wann wird in der freien Szene schon mal ein richtiges Musical gespielt, in dem, wie es sich gehört, nur das Nötigste gesprochen und der Rest gesungen wird? Und nicht nur das. Wann erlebt man in dieser Frankfurter Bastion des kritischen Geistes schon mal ein Publikum, das frenetisch eine Aufführung feiert, die alle gängigen Vorurteile gegen das limonadenhafte Schmacht-Genre eher bestätigt als widerlegt?

Auch wenn es hier um ein sparsam instrumentiertes Kammerformat für vier Personen geht, war das spekulative Schielen nach den großen Bühnen des Metiers bestimmt dabei, als Christian Gundlach (Buch), Martin Lingnau (Musik) und vor allem Edith Jeske (Liedtexte) sich anschickten, Jostein Gaardeners bereits verfilmten Roman »Das Orangenmädchen« auch noch für das Musiktheater herzurichten. Unsterbliche Liebe, irdische Vergänglichkeit und der Sinn des Lebens: Drunter macht es die Geschichte nicht, in der es um einen Brief geht, den der todkranke Vater und Gatte Jan-Olav an seinen Sohn Georg richtet, um ihm am Beispiel seiner Begegnung mit dem wundersamen O-Mädchen, das sich als Gregors malende Mutter entpuppt, zum Nachdenken über die eigene Existenz anzuregen. »Würdest du, wenn du entscheiden könntest, dein Leben noch einmal leben wollen?« lautet in etwa die an die These der alten Griechen erinnernden Frage, nach der es das größte Unglück des Menschen ist, geboren worden zu sein. Da er Georg erst an der Schwelle zum Erwachsenenleben erreicht, wird der Brief auf drei Zeitebenen rezipiert. Die Epoche, in der Vater Jan-Olav das O-Mädchen kennenlernt, die Epoche, in der der Todgeweihte schreibt, und die aktuelle, in der Georg lesend verblüffende Parallelen zu seinen Problemen entdeckt. Oh Herz, oh Schmerz!

Die Inszenierung von Ellen Schulz grenzt diese Zeitsprünge räumlich und mit farblichen Neonlichtquellen effektvoll voneinander ab und betont dabei mit wenigen Requisiten wie einem Kinderwagen, Mutters Staffelei, einem Teleskop im Jungszimmer und natürlich einer Kiste Orangen die Handlungsorte. Julia Breckheimer (Mutter und O-Mädchen), die wir aus Stücken der Daedalus Company kennen, meistert souverän und überzeugend mit dem guten Jan Schuba (Jan-Olav) das insgesamt eher sanft rührende als tief erschütternde – und dennoch kein bisschen peinliche – Stück und hört sich dabei auch gesanglich am besten an. Christian Kerkhoffs lümmelhaft unwirscher Georg und dessen anmutige, leider nur am Rande agierende Freundin Isabel (Susanne Lammertz) komplettieren ein sehr beherztes und zu Recht gefeiertes Ensemble-Spiel, das die Schwächen des Stoffs locker kompensiert. Das Stück ist tatsächlich leicht anzuschauen. Ein schlechtes Gewissen muss dabei niemand haben.

Winnie Geipert
Termine: 19., 20. Oktober,
jeweils 20 Uhr
Info: www.gallustheater.de

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