Theater Landungsbrücken zeigt »Hass« vom Feinsten

Alles muss raus

Mitschnitte von Unruhen flimmern über die Rückwand des Off-Theaters Landungsbrücken. In Endlosschleife begleiten sie fast den gesamten Ablauf der Bühnenversion des französischen Kultfilms »Hass«. Viele Szenen kennt man. Die schlagenden Jubelperser der Anti-Schah-Demo am 2. Juni 1967 und den sterbenden Benno Ohnesorg, die Rodney-King-Riots aus Los Angeles, auch jüngere aus Ferguson, Frankfurt und immer wieder Paris. Dazwischen ein Sachse, der sich nicht von Negern anbetteln lassen will, oder Helmut Kohl in Rage über Eierwürfe.
Wie wir, so schauen sich das drei Typen auf einem maroden Sofa abhängend an und treten, uns gewahr werdend, aggressiv vor: Was wir hier wollten? Was es zu glotzen gebe, wird ein Zuschauer angemacht. Ob er seine Mutter ficke, ein anderer. »Fick dich selber«, kauzt der zurück. Das gibt schon mal den Ton vor, in dem man in »Hass« nahe bei null kommuniziert. Nach außen, aber auch unter sich. Der Schwarzweiß-Film von 1995 (»La Haine« von Mathieu Kassovitz) spielt in einem verlorenen Pariser Banlieue. Ein Ghetto der Verlierer, in dem der Staat nur noch repressiv erfahren wird. Hier leben der Jude Vinz, der Araber Said und der Afrofranzose Hubert in jenen Tag hinein, der einer Krawallnacht mit brennenden Autos folgt: die Antwort der Ausgegrenzten darauf, dass einer der ihren, Abdel, von der Polizei ins Koma geprügelt worden ist. Dass Vinz eine Polizeipistole gefunden hat, hängt fortan wie ein Damoklesschwert über ihnen, weil seit Tschechow ein Gewehr auf der Bühne nur Sinn macht, wenn es auch schießt.  
Regisseur  Linus König hat das Trio Randale mit starken Spielern aus der freien Szene der Stadt besetzt. Jochen Döring, asi-erprobt nicht nur in der Schmiere, gibt Vinz großmäulig als Travis-Bickle-Taxi-Driver-Verschnitt. Von der Theaterperipherie kommen Amin Biemnet Haile, der in »Das alles bist du« (Landungsbrücken) den schwarzen Engel gibt, als Boxer Hubert und Hadi Khanjanpour als zappelpetriger Said. Die Drei tragen die französischen Farben im Trainingsoutfit, jeder anders, sodass man die Trikolore sowohl vertikal, als auch horizontal immer wahrnimmt. Je suis quoi?
Ihr Spiel spult in loser Folge die Stationen des urbanen Road-Movies vor uns ab. Idiotisches, Demütigendes, Abstoßendes, Brutales, Schockierendes verschafft sich Platz in Begegnungen mit Skins, Zivilbullen, Bohemiens, Dealern, Clochards. Ein Kosmos allgegenwärtiger Gewalt, die aus allen Richtungen kommt und in alle Richtungen geht. Alles muss raus und kommt es auch. Die Darsteller machen das mitreißend souverän, springen wie aufgedreht in ihre Rollen und lässig wieder raus. Auch wer den Film nicht kennt, merkt sofort, dass es nicht darauf ankommt, alles zu verstehen, sei das nun inhaltlich oder akustisch.
Königs Inszenierung begnügt sich indes nicht damit, einen großen, fast vergessenen Film auf seine heutige – eher gewachsene – Relevanz zu prüfen. Immer wieder unterbricht eine Art »Making of« dieses Theaterabends die Handlung, um eine Brücke in die Gegenwart des Rassismus zu schlagen. Das Casting für die Rolle des Juden, des Schwarzen und des Arabers wird zum Hebel, einen Konsens der Abgrenzung bloßzulegen, der durchaus persönlich genommen werden darf. Wenn der in Offenbach lebende Khanjanpour aufgefordert wird, den Chabo von Haftbefehl aus sich heraus zulassen, Döring süffisant gefragt wird, ob er Probleme hat, einen Juden zu spielen, oder Haile nahegelegt wird, beim »König der Löwen« vorzusprechen (»Du kannst doch trommeln?«), persifliert das nicht nur gängige deutsche Besetzungspraxis in Theatern und Filmen, sondern lässt auch den Riesenspaß, den das Publikums damit hat, nicht aus. Au Backe: richtig gut.

Winnie Geipert (Foto: © Landungsbrücken)
Termine: 15. 16. Dezember, 20 Uhr
www.landungsbrücken.de

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