»The Salesman« von Asghar Farhadi

Tatort Teheran

Teheran, diese lebendige Stadt, kennen wir aus Jafar Panahis Fake-Doku »Taxi Teheran« oder aus den Filmen von Asghar Farhadi. Mit »The Salesman« knüpft Farhadi wieder an seine Teheran-Filme »Fireworks Wednesday« und das mit dem Goldenen Berlinale-Bären und dem Oscar prämierte Drama »Nader und Simin – Eine Trennung« an und zeichnet ein fesselndes Bild von den Bewohnern dieser Stadt.

Erneut versetzt er ein Beziehungsdrama um Verdächtigungen und Schuldzuweisungen mit Krimielementen. Was ist geschehen, als ein Fremder die Ehefrau eines Lehrers im Bad überrascht hat? Warum ist es zu diesem Vorfall gekommen, der eine Ehekrise auslöst?
Am Anfang steht der drohende Einsturz eines Mehrfamilienhauses in Teheran. Inmitten der erschrockenen Mieter, die panisch ins Freie stürzen, rettet und hilft Emad (Shahab Hosseini), wo er kann. Emad und seine Ehefrau Rana (Taraneh Alidoosti), die über Nacht ohne Bleibe sind, haben Glück, denn ein Bekannter vermittelt ihnen eine neue Wohnung. Einsturzalarm und Umzug, in aller Eile organisiert, sind meisterhaft inszeniert und könnten jeder Filmhochschule als ein Lehrbeispiel dienen.
Die Merkwürdigkeiten mit der neuen Bleibe beginnen allerdings damit, dass die Vormieterin ihr zurückgelassenes Eigentum nicht abholt. Bald bekommt Rana den nächsten Schock. Als sie eines Tages die Wohnungstür offen lässt, taucht ein Fremder auf und belästigt sie im Badezimmer. Was genau geschehen ist, verschweigt sie ihrem aufgebrachten Mann. Auch wir sehen es nicht. Nur so viel kommt heraus: Bei der Vormieterin muss es sich um eine Prostituierte gehandelt haben (die es im Iran eigentlich gar nicht geben dürfte).
Der Zwischenfall genügt, um Emads bislang sicheres Selbstverständnis zu erschüttern. Der Lehrer für Literatur ist allgemein beliebt und geschätzt. Nebenher probt er mit seiner Frau in einer Theatergruppe Arthur Millers Stück »Tod eines Handlungsreisenden«. Aus dem Team stammt auch der Wohnungsvermittler, der jetzt bittere Vorwürfe bekommt, weil er die Vorgeschichte verschwiegen hat. Zudem setzt Emad alles daran, den Fremden zu finden, der Rana belästigt hat. Doch als ihm dies gelingt, eskaliert die Ehekrise zu einem dramatischen Höhepunkt. Am Ende, wenn die Eheleute das Stück spielen sollen, liegen ihre Nerven so blank wie die der Figuren, die sie verkörpern sollen.
Direkte Vergleiche zwischen den Figuren im Theater und ihren Darstellern im Film sind kaum zu ziehen. Dennoch ist es nicht ohne Ironie, wenn Farhadi eine Parallele zwischen dem Versagen in der amerikanischen und den Fallstricken in der iranischen Gesellschaft zieht. Vor der nahen öffentlichen Aufführung des Stückes hat sich wegen einiger Stellen die Zensurbehörde angekündigt. Und auch »The Salesman« wurde kritisiert. Farhadi wurde vorgeworfen, sein Film, der im Iran Besucherrekorde in den Kinos verzeichnete, sei »nicht einheimisch genug«. Doch gerade dieser Filmemacher, derzeit einer der wichtigsten überhaupt, repräsentiert das iranische Arthouse-Kino wie kaum einer anderer seiner Landsleute. Und nach den Erfolgen in Cannes, wo Farhadi als Drehbuchautor und Shahab Hosseini als Hauptdarsteller ausgezeichnet wurden, darf er nun auch mit seinem neuen Meisterwerk Iran bei den Oscars vertreten.

Claus Wecker
THE SALESMAN (Forushande/Le client)
von Asghar Farhadi, IR/F 2016, 125 Min.
mit Shahab Hosseini, Taraneh Alidoosti, Babak Karimi
nach Stück, vonArthur Miller
Drama
Start: 02.02.2017

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