Taylor Stevens und ihre Thrillerheldin Munroe

Taylor Stevens (Foto: Alyssa Skyes)Vorsicht: Schnittwunden

»Wer braucht schon ein Dragon Tattoo?«, hieß es einmal, auf Lisbeth Salander anspielend, in einer amerikanischen Kritik über die von Taylor Stevens erfundene androgyne Figur namens Vanessa Michael Munroe. Der dritte Roman mit ihr bestätigt, dass da eine Heldin unterwegs ist, die sich im Thrillergenre ebenso zu behaupten vermag wie Uma Thurman in »Kill Bill«. James Cameron, der mit den »Terminator«-Filmen und »Avatar« schon einiges an zähen Kriegerinnen auf die Leinwand brachte, hat die Filmrechte gekauft. »Ich kann es kaum erwarten, diese großartige Actionheldin auf die Leinwand zu bringen«, wird er zitiert.

Das aber wird – mit »Avatar 2 bis 3« in der Mache – noch etwas dauern. Zeit, in die Bücher zu steigen und einer intensiven Figur zu begegnen. Erzählerisch ist es ziemlich Nahkampf, wie Taylor Stevens den Fokus zieht, das Tempo manchmal fast ins Zeitlupenhafte verlangsamt. Seit Adam Halls Thrillerhelden Quiller habe ich niemand mehr getroffen, der sich und sein Nervenkostüm so sehr als neurologisch-kinetische Masche begreift – aus welchen Gründen immer, bei Munroe ist da seelische Panzerung im Spiel. Da wird etwas unter Kontrolle gehalten, das besser im Käfig bleibt; aber natürlich lebt die Spannung eines Thrillers von eben jener Herausforderung. Jedenfalls haben die Romane von Taylor Stevens einen Puls, der sich von hitzig bis eisig eingefroren und zurück in Sekundenbruchteilen verändern kann.

Ein schönes Beispiel für solch ein Wechselbad ist der vom Fenster aus beobachtete Motorradunfall Munroes in der Eröffnungsszene von »Die Geisel«, der sich als Auftakt einer Entführung erweist. Bis Seite 12 sind gerade zehn Minuten vergangen, das nennt man Action. Im Krankenhaus liegt eine andere Person, die noch vor der Entführung eingeliefert wurde, ein Freund Munroes ist verschwunden, vermutlich als Geisel genommen. Aus Seite 58 taucht die Heldin erstmals auf – als Erzähler muss man sich für so etwas ziemlich sicher sein. Von Dallas nach Zagreb entführt, rappelt Munroe sich benommen. Aus der Körpersprache der drei Männer, die in ihre Zelle treten, liest sie: unbewaffnet. Überhaupt hat sie feinste Sensorien.

Texas zum einen und Südeuropa von Kroatien bis Monaco sind diesmal die Schauplätze, nach Westafrika und Argentinien in den beiden ersten Munroe-Thrillern, Somalia dann im nächsten (»The Catch«, Juli 2014). Zu einer Transport-Mission erpresst, die Unschuldigen beim kleinsten Fehler das Leben kostet, wird Munroe in »Die Geisel« über weite Teile des Buches durch ein Fadenkreuz beobachtet – und sie weiß das. Wieder und wieder spielt auch jene Handyaufnahme in ihrem Kopf, die ihren gefolterten Freund Logan zeigt. Erzählerisch schön wird das schreckliche Bild einmal während der Fahrt wie eine Fata Morgana auf die Windschutzscheibe projiziert.

Die Reise nach Nizza und Mailand bringt zwei Frauen zusammen, die keine Opfer (mehr) sein wollen, niemals, nie, und dafür keine Kompromisse machen. Eine Heldin aber, die tötet, wird Munroe erst auf Seite 303. Bis dahin hat sie den in ihr wütenden Impuls im Zaum gehalten, nennen wir es ›ihre dunkle Seite‹. Ihre gewaltsame Vergangenheit, die »sie zu dem Raubtier gemacht hat, das sie jetzt war: immer auf der Jagd, ohne Verbindung zu und gleichgültig gegenüber den meisten Menschen, allergisch gegen praktisch jede Berührung«.

Ein Echo von Modesty Blaise – fern, aber immerhin – klingt bei Munroe an, auch die hatte eine harte Kindheit unter heftigen Bedingungen. Fraglich aber, ob Taylor Stevens jemals etwas von Peter O’Donnell gehört hat. Außerhalb des normalen Schulsystems aufgewachsen, hatte Stevens keine 30 Bücher gelesen, ehe sie Munroe erfand. Im Nahkampf ist diese Heldin sehr, sehr schnell, musste das mit vielen Schnittwunden gegen ein Messer erlernen. Im ersten Buch (»Die Touristin«) spielt das eine größere Rolle. Das Innenleben der Sekte, aus deren Fängen sie in Buch zwei (»Die Sekte«) eine Geisel befreit, modellierte Taylor Stevens an ihren eigenen Erfahrungen. Mehr als nur Klappentext nämlich ist, dass sie tatsächlich in einer Sekte aufwuchs. Die vom Pastor und Missionar David Berg gegründeten »Children of God« mutierten zur »Family of Love«, existieren immer noch als »Family« oder »Gottes Kinder«, eine Sektengeschichte zum Frösteln.

Taylor Stevens, heute in den Vierzigern, in Dallas lebend und auf ihren Publicityfotos ein wenig wie eine Filmfigur wirkend, wurde als Kind und Jugendliche durch mehr als 20 Länder geschleppt, ehe ihr der Ausbruch gelang. »Unorthodox« nannte die New York Times ihr Leben und wunderte sich, dass die Autorin ihre Gespräche mit Kritikern nicht mit literarischen Referenzen oder philosophischen Anmerkungen würzt.

Eine Art doppelbödiger Eskapismus also nun, dass eine in seltsamen Kommunen aufgewachsene Autorin, die Frühstück für 140 Menschen machen kann, eine nahezu bindungsunfähige Heldin Konflikte durchleben lässt, die aus etwas Realem schöpfen. Ihre Romane sind mehr als Retortenware, es schwingt da etwas Atavistisches mit bei Taylor Stevens. Vorsicht: Schnittwunden.

 

Taylor Stevens:
Mission Munroe. Die Geisel.
Thriller
(The Doll, 2013).
Aus dem Amerikanischen von Leo Strohm. München: Goldmann, 2014, 9,99 Euro.
Ebenso bei Goldmann:
Mission Munroe. Die Sekte
(The Innocent, 2011)
Mission Munroe. Die Touristin
(The Informationist, 2011)

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